Wenn Essig auf Backpulver trifft

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

So, 16. Dezember 2018

Freiburg

Der Sonntag Ob Vulkanausbruch oder Grundwasserverschmutzung: Der Geologe Mathias Faller macht es mit seinem Geowindow sichtbar.

Das Geowindow ist eine Apparatur, die Vorgänge aus der Natur sichtbar macht. Mathias Faller, Diplomgeologe aus Buchenbach hat es erfunden und führt es an Schulen in der der Region vor. Ein Besuch in der Reinhold-Schneider-Schule in Freiburg.

"Oh nein, doch nicht in unseren schönen Baggersee!" Der Schrecken der Kinder ist echt. Vorher war das Wasser blau, jetzt ist es rot, verunreinigt durch Dünger oder ein anderes Gift. Wir sind mit Mathias Faller zu Besuch beim Geowindow-Projekt an der Reinhold-Schneider-Schule in Freiburg-Littenweiler. Emma, Vincent, Camille, Silas, Julius und die anderen Kinder aus der 3. und 4. Klasse der Grundschule sehen etwas, was gewöhnlich nicht zu sehen ist, weil es im Verborgenen stattfindet: Was passiert mit Regen, wenn er auf die Erde trifft? Wie bewegt sich Regenwasser unter der Erde fort? Und was passiert, wenn Gift ins Grundwasser gelangt? Das Geowindow lässt solche Vorgänge sichtbar werden. Aktiv gestalten die Kinder mit, leiten gefärbte Flüssigkeiten ein und lernen dabei spielerisch, wie unglaublich langsam Grundwasser entsteht, was ein Brunnen ist, und auch, wie wertvoll und gefährdet das Wasser ist. "Jetzt sind wir einmal eine Minute still und schauen, was passiert", sagt Mathias Faller, und die Kinder leiden mit, als sie sehen, wie das rot eingefärbte, also verunreinigte Grundwasser letztendlich auch den Brunnen erreicht, aus dem das Trinkwasser gewonnen wird. Blau mischt sich mit Rot und die Botschaft ist angekommen.

Mathias Faller ist der Erfinder dieser erstaunlichen Apparatur. "Das Geowindow ist im Grunde ein flachgequetschtes Aquarium, aber es verfügt über Zugänge und davon lebt das Ganze", sagt er. Vorgänge, die unter der Erde oder unter Wasser stattfinden, kann das Geowindow sichtbar machen und miterlebbar – etwa, wie sich ein Vulkanausbruch ankündigt. Der flache Schaukasten wird mit Sand, Kies und anderen Materialien befüllt und mit Flüssigkeiten in allen Farben inszeniert, ganz oldschool und analog. Das macht das Geowindow so attraktiv für den Schulunterricht, denn anders als bei einer sterilen Computeranimation sind die Kinder live dabei, wenn etwas passiert. Sie selbst sind es, die über Ventile feste oder flüssige Stoffe zu- und ableiten. Erdrutsche, Grundwasserwege, Wasserkraftwerke, Gebirgsauffaltungen – die Anwendungen sind unendlich.

Der 45-jährige Diplomgeologe Mathias Faller kam auf die zündende Idee zu seinem Geowindow während eines Pädagogikstudiums, das er an sein Geologiestudium anschloss, um Lehrer zu werden. Faller war unzufrieden mit einem Vulkan-Modell. Es war statisch und zeigte nicht, was einen Vulkan ausmacht: seinen Ausbruch. So tüftelte er weiter, stattete den Schaukasten mit seitlichen Ventilen aus, um den Inhalt von außen verändern zu können. Mit einer Explosion im Mini-Format, hervorgerufen durch Essig, der auf Backpulver trifft, brachte er schließlich seinem Vulkan zum Ausbrechen.

An dieser Dynamik, vor allem auch an der Möglichkeit, Wasserkreisläufe sichtbar zu machen, fand der regionale Energieversorger Badenova Gefallen und so erhielt Faller 2016 großzügige Unterstützung aus dem Innovationsfonds des Unternehmens. Mehr als 300 Mal hat Mathias Faller sein Geowindow seither schon präsentieren können, vor allem an vielen Schulen in der Region zwischen Lörrach und Lahr. Ohne Badenova hätte er seine Vision nur schwerlich umsetzen können, sagt er heute dankbar.

Doch das Geowindow macht nicht nur Kinder froh, auch Universitäten interessieren sich mehr und mehr für das einzigartige Gerät. An den Unis von Amsterdam, Trondheim, Prag und Zürich werden Studierende mit dem Geowindow instruiert. Immer noch ist der Vulkan eines der beliebtesten Szenarien.

Die Möglichkeiten aber sind noch nicht annähernd ausgelotet. Ob es darum geht, zu zeigen, wie viel Erde Regenwürmer bei ihrer Lockerungsarbeit im Boden bewältigen, wie ein Klärwerk arbeitet, oder wie sich Licht in Flüssigkeiten bricht – all dies und noch mehr lässt sich zwischen den zwei Scheiben des Gerätes darstellen und vorführen. Die neueste Inszenierung für das Geowindow ist ein Tsunami, den Faller im März 2019 in Paris auf der Eurogeo-Konferenz einer internationalen Öffentlichkeit zum ersten Mal präsentieren wird, so wie früher Steve Jobs: "One more thing..." – wir dürfen gespannt sein.