Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

23. Februar 2012

Kalkwerk Istein

Erweiterungspläne spalten eine Gemeinde

Der Riss verläuft quer durch Familien, Wohngebiete und Vereine.

  1. Weinbau versus Kalkabbau – in Efringen-Kirchen kocht ein Interessenkonflikt hoch. Foto: Privat/Jacob

Hans-Jürgen Scheer ist beunruhigt. Es ist noch nicht lange her, dass der 52-jährige Duisburger seinen Lebensmittelpunkt vom Ruhrgebiet ins Markgräflerland verlegt hat. Der Kaufvertrag für ein Grundstück im Neubaugebiet von Efringen-Kirchen ist gerade erst unterschrieben. Knapp 8500 Einwohner zählt die zwischen Reben und Rhein gelegene Gemeinde mit acht Teilorten. Ihr markantes Markenzeichen – das Kalksteingeotop Isteiner Klotz – ist selbst Vorbeireisenden auf der Autobahn 5 ein Begriff. Um Kalk geht es auch an diesem frostigen Februarabend bei einer Podiumsdiskussion in der örtlichen Mehrzweckhalle. Der Saal ist rappelvoll, immer wieder wird nachbestuhlt. Das Interesse ist gewaltig, die Stimmung geladen: Die Erweiterungspläne des Kalkwerks spalten die Gemeinde in zwei Lager, der Riss verläuft quer durch Familien, Wohngebiete und Vereine.

Als die Heidelberg Cement AG im Oktober 2011 publik macht, dass sie eine 40,1 Hektar große Vorrangfläche sowie eine 7,7 Hektar große Reservefläche im Regionalplan ausweisen will, um den Kalkabbau für weitere 45 Jahre zu sichern, ist der Aufschrei groß. Dabei ist der Stoff, an dem sich der Streit entzündet, zugleich auch das Fundament der Gemeinde, und zwar buchstäblich: Die einen bauen den Muschelkalk ab, die anderen bauen auf ihm an: Wein. Das Kalkwerk ist Arbeitgeber für 120 Beschäftigte und der größte Arbeitgeber im Ort; am Weinbau hängen im Kernort und den acht Teilorten insgesamt zehn Betriebe, viele davon sind in Familienhand. Beides hat in der Gemeinde Tradition.

Werbung


Das wird auch bei der Podiumsdiskussion klar. Eingeladen hat der Ortsverband der Grünen. Mit Bürgerbeteiligung kennt sich die Partei aus. Der Grüne-Landtagsabgeordnete Josha Frey plädiert für eine "Politik des Gehörtwerdens" – in einer Phase, in der noch nichts entschieden sei. Und gehört werden wollen Viele an diesem Abend: Winzer berichten von ihren Ängsten. Sie fürchten, dass der Rebberg austrocknet, sollte der Kalkabbau massiv vorangetrieben werden. Zukunftsangst treibt aber auch die Kalkwerksmitarbeiter um. Sie fürchten um die Arbeitsplätze. Auch was der Arbeitgeber für die Gemeinde geleistet hat, wird erwähnt. Das geht manchem zu weit. Auch Neubürger Scheer ärgert sich über den Lobgesang auf das börsennotierte Unternehmen.

Doch kaum einer fragt etwas. Das mag auch daran liegen, dass sich viele Fragen zum Verfahrensstand noch gar nicht beantworten lassen. Warum? Erst wenn nach Ausweisung der Vorrangfläche ein Abbauantrag gestellt wird, kommen die Fakten auf den Tisch. Dann erst wird erörtert, wie es um Naturschutz und Sicherheit steht, wie Verkehrs- und Transportwege anzulegen sind und wie sich Feinstaub, Erschütterungen und Lärm auswirken – Fakten, die im Streit um den Kalkabbau momentan noch fehlen.

Bürgermeister Wolfgang Fürstenberger spricht nicht gerne davon, dass seine Gemeinde gespalten ist. Der CDU-Mann setzt auf die Einsicht der Konfliktparteien und auch darauf, dass sich ein Kompromiss finden lässt. Sein Vorschlag zur Güte: Die Vorrangfläche um die Hälfte reduzieren. Ohnehin könne man heute nicht mehr auf so lange Sicht planen, argumentiert er. "Die scheibchenweise Genehmigung hat den Charme, dass zukünftige Generationen neu entscheiden können." Notfalls will er seine Gemeinde per Bürgervotum befrieden. Doch auf welcher Grundlage sollen die Bürger entscheiden?
Verdichtet sich der Raum, wachsen die Konflikte.
Ortstermin am Schafberg. Den steil ansteigenden Landwirtschaftsweg säumen knorpelige Rebstöcke. Das wird auch so bleiben, denn bis an den Rebhang werden die Bagger des Kalkwerks auch nach den neuen Plänen nicht vorrücken. Dennoch sorgt sich Winzer Hans-Peter Ziereisen, der an der zur Basler Bucht hin abfallenden Lage einige Parzellen bewirtschaftet, um das Mikroklima, das ihm Bedingungen wie im Burgund beschert. Er hat zu einer Begehung eingeladen, gekommen sind Gegner und Befürworter, auch Hans-Jürgen Scheer will die Ausmaße der geplanten Vorrangfläche erwandern.

Ziereisen ist einer der schärfsten Kritiker der Abbaupläne. Seit November betreibt er die Internetseite http://www.steibruch.de Auch außerhalb des Netzes bezieht er gern und deutlich Position. Auf der Bergkuppe hat er ein Transparent in die Bäume gespannt. "Hier neuer Steinbruch NEIN" ist darauf zu lesen. Das Spruchband bietet nicht nur dem Wind eine Angriffsfläche, kraftlos baumelt es an einer Seite herunter. Ziereisen vermutet einen Sabotageakt, beweisen lässt sich das freilich nicht.

Auf der höchsten Erhebung der Gemeinde treffen sich die Gemarkungen der beiden Teilorte Huttingen und Istein, auf dem Scheitelpunkt klafft ein großes Loch im Erdreich – der Steinbruch "Kapf". In sieben bis zehn Hektar großen Parzellen ist die Abbaufläche bis hierher vorgerückt seit 1982, dem Jahr der ersten Genehmigung. 15 Jahre wird ein Sektor im Schnitt ausgebeutet, dann ziehen die Maschinen weiter, die zurückbleibenden Krater werden, je nach Beschaffenheit, aufgefüllt oder renaturiert, also der Natur überlassen. Weil jeder Abbauschritt neu verhandelt wird, sieht sich das Kalkwerk auch zu Unrecht in der Schusslinie der Kritiker und gibt den Ball zurück an den Regionalverband. Dieser berücksichtigt den Rohstoffbedarf des Landes bei seiner Planung und formuliert Zielvorgaben. Auch sei die tatsächliche Abbaufläche nicht mit der Vorrangfläche gleichzusetzen, gibt der Leiter des Kalkwerks, Peter Leifgen, zu bedenken – der Regionalverband plant nicht parzellenscharf. Natur bewahren oder Arbeitsplätze sichern? Zwischen diesen beiden Polen oszilliert das Stimmungsbarometer im Streit um den Kalkabbau. Die Diskussion weist jedoch über den konkreten Fall hinaus. Schon seit Jahren muss der Ort massive Eingriffe in das Landschaftsbild verkraften: Die Großbaustelle Katzenbergtunnel dominiert den Ortseingang, die B 3 ist eine vielbefahrene Strecke, unten am Rhein schürfen Bagger mit viel Getöse Kies für den Hochwasserschutz aus dem Flussbett. Naturnahe Rückzugsgebiete haben zunehmend Seltenheitswert.

"Mit der Verdichtung des Raumes werden auch die Nutzungskonflikte immer größer", stellt Wolfgang Werner fest, der beim Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau seit 22 Jahren für die Rohstoffsicherung verantwortlich ist. Seit einigen Jahren beobachtet er ein wachsendes Interesse an der heimischen Geologie, auch aus Efringen-Kirchen bekommt der Geologe regelmäßig Anrufe. Geduldig erklärt er dann, dass ein Regionalplan keine exakte Wissenschaft und die Flächenbegrenzung keineswegs irreversibel ist.

Für Hans-Jürgen Scheer, den Häuslebauer aus dem Ruhrgebiet, steht fest, dass er demnächst den Grundstein für sein Haus legen wird. Er hat sich vorgenommen, die Debatte aufmerksam zu verfolgen – und Fragen zu stellen, auch unbequeme.

Autor: Julia Jacob