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17. März 2010

Wie eine klamme Stadt vor 500 Jahren zu Geld kam

Im 15. Jahrhundert wollten die Freiburger Ratsherren ihren Etat auf Kosten der Klöster sanieren – was ihnen nur halb gelang.

  1. Foto: Fotolia

FREIBURG. Krise der Kommunalfinanzen? Das klingt wie ein moderner Blues, aber davon konnten schon die Urahnen der Freiburger traurige Choräle singen. Rechnet man den Goldwert der 180 000 Gulden aus, die die Stadt ihren Gläubigern um das Jahr 1500 schuldete, kommt man auf eine ähnliche Pro-Kopf-Verschuldung wie heute – etwa 1300 Euro.

Professor Tom Scott von der University St. Andrews in Schottland hat unter den Reichstagsakten des Jahres 1495 ein bisher wenig beachtetes Dokument entdeckt, das von einem packenden lokalen Machtkampf zeugt. Einem Konflikt, der die gesellschaftlichen Veränderungen der damaligen Zeit auf den Punkt bringt. "Über die Landesgeschichte kann man Dinge oft viel klarer modellieren", sagt Thomas Zotz, leitender Landesgeschichtler an der Universität Freiburg. Verfasser der Eingabe an den Reichstag war Ulrich Zasius, der damalige Stadtschreiber. Scott hat seinen Fall auf der dritten Neuenburger Tagung zur Landesgeschichte erzählt, ihr Thema: Kloster und Stadt am südlichen Oberrhein im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit.

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Wie viele andere Städte nördlich der Alpen geriet auch Freiburg im 15. Jahr-hundert in eine Wirtschaftskrise. Sie traf vor allem das Handwerk, den Motor des urbanen Wohlstands. Außerdem gehörte Freiburg seit 1386 zum Territorium der Habsburger, die sich mitten im Aufstieg zur Großmacht befanden. Ihre Expansionspolitik finanzierten sie über Kredite und hohe Abgabelast. Die Stadt hatte also keine Chance, ihren Schuldenberg auf regulärem Weg abzubauen.

Von den 12 000 Gulden Jahreseinnahmen gingen alleine 9000 für Zinsen verloren. "1488 und 1489 entging der Rat sogar nur knapp der Zahlungsunfähigkeit", sagt Tom Scott. Von irgendwoher musste man sich Geld besorgen.

Am besten von den reichsten Einrichtungen in der Stadt. Es waren nur wenig mehr als 30: Zwölf Klöster, zehn Regelhäuser und einige Stadthöfe von Klöstern aus dem Umland. Die Bruderschaften waren längst große Wirtschaftsbetriebe geworden. Zu bieten hatten sie in der Hauptsache Nahrungsmittel von ihren Ländereien. Um an den Märkten teilnehmen zu können, mussten sie in die Städte ziehen. Durch die Niederlassungen in der Stadt erhielten die Klöster das Bürgerrecht. Steuerpflichtig waren sie nur begrenzt, was ihren Reichtum nur noch vermehrte. Deshalb dürfte das, was die Stadtoberen den Äbten und Äbtissinnen 1490 vorlegten, diese ins Mark getroffen haben. "Schluss mit den Steuervorteilen" hieß es aus der Ratsstube.

Seit Jahren waren die Klöster unerlässlich für das Wirtschaftsleben geworden, förderten das lokale Handwerk, kurbelten das Geschäft auf den Marktplätzen durch ihre große Nachfrage an und waren die wichtigsten Geldgeber bei öffentlichen Bauprojekten. Die Stadtbefestigung hätte 1460 nicht ohne die Klöster ausgebaut werden können. Die hohen Forderungen der Stadtväter führten zu Streit. Auch hatte die mächtige Stadt begonnen, auf Kosten der Klöster zu expandieren und Mitte des Jahrhunderts versucht mit Herdern und St. Märgen altes Ordensland, an sich zu bringen.

Vor diesem Hintergrund war die neue Steuerordnung, die von den Klöstern neben den üblichen "Gewerftzahlungen" eine jährliche "Schatzung" verlangte, einfach ungerecht. Gerade weil auffiel, dass die Zusatzabgaben etwa der Zinslast der Stadt entsprachen. Die Äbte widersetzten sich. Den folgenden jahrelangen Streit konnte Freiburg gegen die Großmacht der Orden nicht ohne fremde Hilfe gewinnen. Am Ende blieb nur der Weg vor den Reichstag von Worms.

Ein gemeines Spiel, hatte in Worms doch Kaiser Maximilian I. den Vorsitz, Oberhaupt der Habsburger. Zasius durfte das Freiburger Anliegen dem eigenen Landesherren vortragen. Die Besteuerung von Klöstern war damals nicht üblich, gegen seine eigenen Interessen wollte der Kaiser trotzdem nicht entscheiden. Die Klöster mussten schließlich zahlen, wenn auch nur die Hälfte. "Ein Versuch des Rats, sich an den Klöstern schadlos zu halten", nennt das Scott. Ohne wirklich nachhaltige Wirkung allerdings: "Die fortwährend schlechte Fiskalführung der Räte" konnte so nicht ausgeglichen werden. Das klingt doch wieder sehr modern.

Autor: Benjamin Büchner