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08. Oktober 2009 00:02 Uhr
Aktionsbündnis
Winnenden – Lehren aus einem Massenmord
Nichts ist mehr wie früher für diejenigen, die Winnenden überlebt haben. Ein halbes Jahr nach dem Amoklauf diskutieren Angehörige der Opfer und Experten über die Konsequenzen. Ihr Ziel: Dem Tod einen Sinn geben .
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Bilder wie dieses sind im Frühjahr um die Welt gegangen: Kerzen erinnern an die Opfer des Amoklaufs in der Albertville-Realschule. Foto: dpa
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Die Gründungsmitglieder des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, Hardy Schober (l-r, Vorsitzender), Gisela Mayer (Sprecherin) und Christoph Nolepa, Foto: usage worldwide, Verwendung weltweit
Sara da Salvio hat einen Traum. "Alles soll wieder so sein wie früher", sagt das zarte Mädchen mit den langen, dunklen Haaren. In ihren großen Augen steht die Frage, ob das zu viel verlangt ist. Ob es unrealistisch ist darauf zu hoffen, dass es ein Zurück gibt hinter den 11. März? Sie wünsche sich, sagt die 15-Jährige, "dass wir wieder ganz normal zur Schule gehen können". Um diesen Wunsch zu verstehen, muss man wissen, dass Sara da Salvio die Albertville-Realschule in Winnenden besucht. Jene Schule, die am 11. März von einem Amokläufer heimgesucht wurde, der neun Schülerinnen und Schüler sowie drei Lehrerinnen ermordete.
Die Störung der Normalität beobachtet auch Reimar Krauß. Krauß ist evangelischer Gemeindepfarrer und unterrichtet an dem Schulzentrum. "Es gibt Schüler, die gehen unter den Tisch in Deckung, sobald es nur an der Tür klopft", erzählt er. Andere stoßen einen Angstschrei aus, wenn ein Windzug ein Fenster zuschlägt. Das seien die Momente, in denen er erfährt, wie dünn die Schicht des Vergessens ist, die sich über die Ereignisse gelegt hat, wie brüchig die mühsam erkämpfte Normalität.
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Viele Schüler leiden unter Konzentrationsstörungen
Auch Christine Forster, die stellvertretende Leiterin der Albertville-Realschule, sieht jeden Tag sehr viel Angst in den Gesichtern der Kinder. "Man kennt ja seine Schüler, das sieht man ihnen schon an." Am greifbarsten im Alltag sei aber, dass viele Schüler unter erheblichen Konzentrationsstörungen litten. Normaler Unterricht sei nicht möglich. Obwohl dies alle wollen.
Um die Hälfte wurden die Lehrerstunden aufgestockt, vereinzelt die Klassen verkleinert, in einigen unterrichten Lehrer zu zweit. Es gibt wieder ein breites Angebot an Arbeitsgemeinschaften, einen Sporttag, an dem alle Schüler mit ihrer Sportart zum Zuge kommen. Schüler und Lehrer sollen wieder Gemeinschaft erleben. Denn die offenbar gewordene Beziehungslosigkeit hat alle sehr verstört. Wie war es möglich, dass keiner etwas ahnte von den Abgründen, in denen ein Mitschüler steckte? In denen er gefangen war, denn Tim K. hat über seine Gewaltfantasien gesprochen und gesagt, dass sie ihm Angst machten.
Damit so etwas nie wieder passiert...
Die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg versucht seit Jahren, etwas mehr herauszufinden über die Hintergründe solcher Taten. Bannenberg ist Mitglied der von der Landesregierung eingesetzten Expertengruppe, die Vorschläge erarbeiten soll, wie eine solche Tat verhindert werden könnte. Bundespräsident Horst Köhler hatte Ministerpräsident Günther Oettinger bei der Trauerfeier das Versprechen abgenommen, das Land werde sich intensiv mit der Frage befassen. Damit so etwas möglichst nie wieder geschieht. Eine Kommission des Landtages soll dafür sorgen, dass das Expertenpapier nicht in einer Schublade verschwindet.
Bei einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll hat Bannenberg nun ihre Erkenntnisse dargelegt, auch wenn ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen ist. Sie hat dafür die Akten aller Amoktaten in Deutschland sowie einige Unterlagen aus anderen Ländern ausgewertet. Sie hat die Tagebücher der Täter gelesen, in denen die Vorbereitungen dokumentiert und begründet werden. Schließlich geht es den Tätern, die sich als Opfer sehen, meist um einen "großen Abgang", die Welt soll erfahren, wer Schuld trägt. Bannenberg hat überlebende Täter befragt und jene, deren Anschlagsplan rechtzeitig entdeckt wurde.
Die Täter beschreibt Bannenberg als narzisstisch gestörte Persönlichkeiten, überwiegend männlich, aus der Mittelschicht stammend. Sie leben zurückgezogen, sind schüchtern, haben wenig oder keinen Kontakt zu Mädchen. Vor allem sind sie extrem leicht kränkbar. "In den Tagebüchern finden wir einen Hinweis auf einen Rempler oder die Absage einer Einladung an ein Mädchen, die die anderen Beteiligten längst vergessen haben. Der Jugendliche aber empfindet sie als fürchterliche Demütigung", sagt Bannenberg. Auffallend sei zudem, dass die Jungs eher ängstlich sind und Konflikte meiden, zumal wenn es sich um körperlichen Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen handelt.
Es sind also gerade nicht die durch ihre Gewaltbereitschaft auffällig werdenden Jungs, die Störer in der Klasse. Es sind die Jungs, die die Schule als Ort der Erniedrigung erleben. Sie ziehen sich in ihrer Enttäuschung zurück und brüten einen abgrundtiefen Hass aus, den sie zunächst in Killerspielen am Computer austoben. Dabei üben sie das Schießen und trainieren sich die Reste von Mitgefühl förmlich ab.
Irgendwann kommunizieren sie nur noch mit Gleichgesinnten, Bilder ihrer blutigen Fantasien und ihrer Todessehnsucht schmücken das Zimmer, sie sammeln alle im Internet zugängliche Informationen über Amokläufe und kündigen ihre Tat meist an. Ihre großen Vorbilder sind die beiden Amoktäter von Littleton. "Wenn so ein Täter einmal loszieht, ist er mit Verhandeln oder Zureden nicht mehr zu stoppen, sondern nur noch von der Polizei", sagt Bannenberg. Die Polizei hat längst die Strategie gewechselt: Die Einsatzkräfte haben die Anweisung, sofort zu handeln und den Täter zu stoppen – wie auch immer.
In Winnenden, so berichtet der stellvertretende Leiter der Polizeidirektion, Peter Hönle, ist ein Streifenpolizist entgegen der Vorschrift sofort nach Eintreffen mit gezogener Waffe in das Gebäude gestürmt. Direkt neben seinem Kopf schlug eine Kugel ein. Genau dieses beherzte Losstürmen hat Tim K. dazu gebracht, seine Tat abzubrechen und zu fliehen. "Sonst hätte er vielleicht in der Schule noch mehr Menschen getötet."
"Schusswaffen setzen den Täter in die Lage, seinen Plan umzusetzen. Er kann aus der Distanz agieren, er kann Fliehende erschießen, er ist schwerer zu überwältigen, er kann viele Menschen in wenigen Minuten töten." Der Zugang zu Waffen und Munition müsse erschwert, besser unmöglich gemacht werden. Die Kriminologin warnt indes vor Illusionen: "Machen wir uns nichts vor: Der nächste Plan reift bereits." Auch ein Verbot von bestimmten Killerspielen sei nötig. Zwar könnten die Spiele aus dem Internet heruntergeladen werden. "Aber ein Verbot gäbe den Eltern, Klarheit und ein Argument."
Hilft eine schärfere Kontrolle der Waffen?
Gerade der Einsatz für eine schärfere Kontrolle der Waffen ist mühsam und aufreibend. Davon könnte Hardy Schober, der Sprecher des "Aktionsbündnis Winnenden" und Vater eines der Opfer, stundenlang erzählen. "Ich habe schon einmal einen Anruf bekommen mit dem Hinweis, ich solle künftig besser auf mich und meine Familie aufpassen", sagt Schober, ein ehemaliger Finanzberater. Schober, dessen Augen unruhig nach Halt suchen, der aber erstaunlich ruhig spricht, zog eine ganz andere Konsequenz: Er lässt seine elektronische Post sichten, bevor er sie selbst liest. So blieb ihm dieser Tage auch diese Nachricht erspart: "Ihr Einsatz ruft bei mir nur pure Verachtung hervor."
Gisela Mayer hat ihre Tochter bei dem Amoklauf verloren, wenige Tage später wäre Nina 25 geworden. Für die Lehrerin und Psychologin steht die Forderung, den Zugang zu Waffen zu erschweren, ganz oben auf der Liste. Wichtig seien aber auch Hilfen für Lehrer und Schüler. "Wie können wir gewährleisten, dass die Signale, die es gibt, erkannt werden?", fragt sie.
Der Name Winnenden, sagt Pfarrer Krauß, werde für immer gekoppelt sein mit dem Begriff Amoklauf. Und es werde schwer sein, die Balance zu finden zwischen der ersehnten Normalität und der Notwendigkeit, nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen. "Wir sollten nicht nur zurückblicken, sondern mehr in die Zukunft", wünscht sich Sara da Salvio. Das allein wird schwer genug.
INFO:
Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden
Zunächst meldeten sich die Opferfamilien des Amoklaufs mit einem offenen Brief an Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Günther Oettinger. Wenig später gründeten die Betroffenen ein Aktionsbündnis, um ihrer Trauer eine gemeinsame Stimme zu verleihen und Forderungen an die Politik zu formulieren. Sprecherin des Bündnisses ist Gisela Mayer, die Mutter einer erschossenen Lehrerin der Albertville-Realschule.
Die Familien setzen sich gegen die Verherrlichung von Gewalt und gegen Waffen ein. Zudem stehen praktische Gewaltprävention, besserer Jugendschutz und schärfere Regeln für die Medien auf der Liste der Vorhaben. In Winnenden bietet das Bündnis den Opfern und Traumatisierten des Amoklaufs Hilfe an. Aus dem Zusammenschluss soll eine unabhängige kirchliche Stiftung hervorgehen, die sich gegen Gewalt an Schulen engagiert.
Autor: Franz Schmider


