"Wir bleiben dran"

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Sa, 11. Juni 2016

Südwest

BZ-INTERVIEWmit Waltraud Kannen über die schwierigen Verhältnisse bei der ambulanten Pflege.

BERLIN. Auf Anregung der Freiburger Bundestagsabgeordneten Kerstin Andreae (Grüne) reisten 38 Geschäftsführer und Pflegedienstleiter von kirchlichen Sozialstationen in Baden-Württemberg zu Gesprächen mit Politikern nach Berlin. Diese Stationen betreuen 20 000 Patienten und Pflegebedürftige. Was die Gespräche ergaben, schildert Waltraud Kannen von der Sozialstation Südlicher Breisgau unserem Redakteur Bernhard Walker.

BZ: Frau Kannen, warum sind Sie nach Berlin gefahren?
Kannen: Weil die Stimme der ambulanten Pflege bisher viel zu wenig gehört wird. Die Krankenhäuser haben eine starke Lobby in Berlin und die stationäre Pflege, also die Anbieter von Alten- und Pflegeheimen, auch. Die Anliegen der Menschen, die wir betreuen, finden aber sehr wenig Beachtung.
BZ:
Welche Anliegen sind das?
Kannen: Heute ist es so, dass viele Familien die eigentliche Pflege eines Angehörigen selbst übernehmen. Gleichwohl brauchen sie die Hilfe einer Sozialstation – und zwar in medizinischen Fragen wie zum Beispiel der Diabetes-Versorgung oder dem Verbandwechsel. Das fällt in die so genannte häusliche Krankenpflege und wird nicht von den Pflege-, sondern von den Krankenkassen bezahlt. Und genau da fängt das Problem an.
BZ: Welches Problem?
Kannen: Eine Sozialstation, die ihre Mitarbeiter nach Tarif bezahlt, bekommt das nicht finanziert. Dagegen wenden wir uns schon seit einiger Zeit mit einer Petition an den Bundestag. Denn diese Finanzlücke bedeutet, dass Sozialstationen in eine Schieflage kommen, was natürlich die Versorgung der Patienten gefährdet.

BZ: Haben Sie für Ihre Forderung, dass die Krankenkassen den Stationen eine Entlohnung nach Tarif refinanzieren, Rückhalt gefunden?
Kannen: Leider nicht bei allen unseren Gesprächspartnern, wobei ich sagen muss, dass die Vertreter von SPD und Linkspartei die Verabredung kurzfristig absagten. Mein Eindruck ist, dass man sich nicht an die Kassen herantraut und Druck macht. Wie wichtig die ambulante Pflege ist, hat sich noch nicht herumgesprochen – auch wenn Zehntausende Menschen sie Tag für Tag brauchen.
BZ: Unterstützt Karl-Josef Laumann, der Patienten- und Pflegebeauftragte der Regierung, ihr Anliegen? Mit ihm hatte die Gruppe ja auch ein Gespräch.
Kannen: Wir haben anderthalb Stunden mit ihm gesprochen, und ich bin ihm dankbar, dass er sich so viel Zeit nahm. Er meinte, dass wir das, was an Mitteln in der häuslichen Krankenpflege fehlt, durch die Mittel ausgleichen könnten, die die Patienten von der Pflegeversicherung bekommen. Nur ist das eben nicht der Fall. Sehr viele der Menschen, die wir betreuen, erhalten wie gesagt keinerlei Hilfen der Pflegeversicherung. Eine sogenannte Querfinanzierung ist also nicht das, was die Sozialstationen aus ihrer ausgesprochen schwierigen Lage bringt. Das geht nur, wenn die Politik die Krankenkassen dazu verpflichtet, unseren Einsatz für Menschen, die häusliche Pflege brauchen, endlich besser zu vergüten und unseren Tarif anzuerkennen.
BZ: Sind Sie enttäuscht?
Kannen: Nein. So schnell lass ich mich nicht unterkriegen (lacht). Aber meinen Kolleginnen und Kollegen ist auf der Reise bewusst geworden, wie wenig über die Lage der ambulanten Pflege in Berlin bekannt ist. Wir müssen also weiter für unser Anliegen werben und kämpfen. Wir bleiben dran – das sind wir den Familien schuldig, die unsere Hilfe brauchen.

Waltraud Kannen (56) ist Kranken-
schwester, Pflegemanagerin und seit 2008 Geschäftsführerin der Sozialstation Südlicher Breisgau.