Fall Heckler & Koch

Jürgen Grässlin: "Wir sind uns sicher, dass das Material echt ist"

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Mo, 14. Mai 2018 um 10:58 Uhr

Südwest

Jürgen Grässlin hat mit seiner Anzeige die Ermittlungen gegen den Oberndorfer Waffenhersteller Heckler & Koch in Gang gesetzt. Mit der BZ sprach der Freiburger über seine Recherchen und einen Whistleblower.

Die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" hat den Freiburger Realschullehrer Jürgen Grässlin einmal Deutschlands "bekanntesten Rüstungskritiker" genannt. Über die Enthüllungen im Fall Heckler & Koch sprach Franz Schmider mit ihm.



BZ:
Herr Grässlin, wie sind Sie denn in den Besitz des belastenden Material gekommen?
Grässlin: Ich habe im Herbst 2009 einen Anruf bekommen. Der Anrufer behauptete, Heckler & Koch liefere seit Jahren widerrechtlich Abertausende von G-36-Sturmgewehren auch in Unruheprovinzen Mexikos. Als er bemerkt habe, dass seine Firma illegal handelte, stieg er aus. Der Whistleblower bot mir seine Dokumente mit dem Hinweis an, sie zu verwerten.

BZ: Und Sie haben ihm vertraut?
Grässlin: Anfangs war ich skeptisch. Entsprechend ernsthaft habe die Unterlagen zusammen mit meinem Anwalt Holger Rothbauer überprüft. Da waren Fotos und Filme dabei, die Mitarbeiter von Heckler & Koch zeigen, die in Mexiko Polizisten am Umgang mit den Waffen schulen. Dazu eine Urkunde der mexikanischen Polizei als Dankeschön für die Waffenschulung – wohlgemerkt in einer verbotenen Unruheprovinz – und vieles mehr. Wir haben alles überprüft und sind uns seither sicher, dass das Material echt ist. Im April 2010 habe ich Strafanzeige gegen Heckler-und-Koch-Mitarbeiter bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart erstattet und zahlreiche Dokumente übergeben.

BZ: Die Anzeige richtete sich zunächst gegen acht Mitarbeiter.
Grässlin: Genau, unter ihnen auch Heckler-und-Koch-Geschäftsführer – allen voran der vormalige Landgerichtspräsident Peter Beyerle. Nachdem wir neue Informationen erhielten, habe ich meine Anzeige erweitert, beziehungsweise hat Holger Rothbauer 2012 die Anzeige erweitert um in den Deal involvierte Mitarbeiter des Bundesamtes für Außenwirtschaft und des Bundeswirtschaftsministeriums.

BZ: Nun aber sitzen nur Mitarbeiter von Heckler und Koch auf der Anklagebank.
Grässlin: Unglaublich, aber wahr! Staatsanwalt Vobiller hat die Ermittlungen gegen alle Beamten der genannten Behörden eingestellt. Das ist skandalös, denn wir haben ja alles vorgelegt. Zudem habe ich im Buch "Netzwerk des Todes" umfassend Belege über die Beteiligung von Vertretern der Kontrollbehörden veröffentlicht. Zum Beispiel wie die Liste der Provinzen, in die geliefert werden durfte, auf Drängen von Heckler & Koch erweitert wurde und wie Empfängeradressen nachgebessert wurden. Staatsanwalt Vobiller wollte das nicht zur Kenntnis nehmen. Stattdessen leitete er gegen den Filmemacher Daniel Harrich und mich ein Strafverfahren ein, weil wir aus Ermittlungsakten zitiert hätten – gemeint war unser eigenes Material. Das Amtsgericht München hat das Verfahren eingestellt.

BZ: Was bedeutet das alles für den jetzt anstehenden Prozess?
Grässlin: Die Verteidigung von Heckler & Koch wird vermutlich alles daran setzen, die Schuld auf die Behörden abzuschieben mit dem Argument, diese hätten die Deals genehmigt.
Jürgen Grässlin (60) ist Realschullehrer und Publizist. Er ist Vorsitzender des Freiburger Rüstungsinformationsbüros.