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07. August 2012 00:02 Uhr

Jubiläumstournee

"Surfin USA" in Stuttgart: Beach Boys begeistern immer noch

Bewegende Zeitreise: Zum 50-jährigen Bestehen bringen die Beach Boys ihren famosen Songzyklus in Stuttgart zu Gehör. Michael Dörfler war dabei.

  1. Eine Legende feiert Geburtstag: Die Beach Boys Foto: dpa

  2. Eine Legende feiert Geburtstag: Die fünf Beach Boys, zusammen mit neun Begleitern, in Stuttgart Foto: dpa

  3. Foto: dpa

  4. Foto: dpa

  5. Eine Legende feiert Geburtstag: Die Beach Boys Foto: dpa

  6. Eine Legende feiert Geburtstag: Die Beach Boys Foto: dpa

Unglaublich, er hat es bis nach Stuttgart geschafft. Doch die aufkommende Freude weicht sogleich großer Sorge. Wie er so da sitzt, hinter dem großen, weißen Flügel, ganz außen am Bühnenrand, vermittelt Brian Wilson einen sehr fragilen Eindruck. Apathisch drückt er Akkorde in die Tasten, meist ruhen seine Hände auf der Hose seines Adidas-Trainingsanzugs. Die Augen des großen, alten Mannes, der wie kein anderer in den 60er-Jahren den amerikanischen Traum in Noten umsetzte und dabei unsterbliche Melodien kreierte, sind auf einen Teleprompter gerichtet, den fleißige Hände zur Sicherheit auf seinem Instrument installiert haben. Wilsons gesundheitlicher Zustand ist nicht der Beste. Von einem Schlaganfall wird hinter vorgehaltener Hand geflüstert, einst gab’s Drogen und Alkohol satt, später noch eine Menge an Psychiatern dazu. Und nicht zu vergessen, seinen streitbaren Cousin Mike Love.

Der steht am Samstagabend ein paar Meter weiter auf der Bühne der ausverkauften Schleyer-Halle und gibt den jovialen Entertainer. Das Magazin Rolling Stone hatte im Vorfeld der Welttournee der längst beerdigten Beach Boys von einer Sensation gesprochen – und sollte recht behalten. Ungeachtet aller persönlichen Animositäten, schlagzeilenträchtiger Streitigkeiten und gegenseitiger juristischer Eskapaden haben sich fünf der überlebenden Strandjungen – Dennis und Carl Wilson sind längst gestorben – noch einmal auf die Bühnen aufgemacht. Nicht jeder mit seiner eigenen Combo. Nein, zusammen. Es ist schließlich 50 Jahre her, seit sie erstmals die Charts stürmten und sich anstellten, mit ihren keimfreien Liedern über Teenagerliebe, Surfen und Autos zur amerikanischen Konkurrenz der Beatles zu werden.

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Der Abend in Stuttgart wird zu einer emotionalen wie beeindruckenden Zeitreise. Der mittlerweile 70-jährige Wilson, Sänger Love, die Gitarristen Al Jardine und David Marks sowie Keyboarder Bruce Johnston sind zu keiner billigen Coverband verkommen, sie haben sich vielmehr neun äußerst kompetente Mitstreiter gesucht, die sehr hilfreich dabei sind, die Ohrwurmperlen der frühen Tage ebenso frisch erklingen zu lassen wie die komplexen Sounds aus der Spätphase der Band. Ein paradiesischer Ohrenschmaus, der die rund 9000 Besucher schon mit der programmatischen Eröffnung "Do it again" mitsingen und tanzen lässt.

Natürlich reichen die Stimmen der alten Herren nicht mehr in alle Höhen. Dafür heilen unvergängliche Melodien und engelsgleiche Chöre. Es sind die großen Hits der Band – "Surfin USA", "I Get Around", "Barbara Ann", "Sloop John B", "Little Deuce Coupe", "Help me Rhonda" oder "Good Vibrations", die die Menge zu Beifallsstürmen treibt und von längst vergangenen Tagen träumen lässt. Musikalisch am großartigsten sind indes die stilleren Momente, dann, wenn Brian Wilson am Piano richtig mitspielt und singt, dazu die Einsätze dirigiert: "Please Let me Wonder", "In my Room", "Heroes and Villains" oder Johnstons Hommage an die "Disney girls". Und natürlich jener Song, den Rivale Paul McCartney einst als den perfektesten von allen bezeichnete: "God Only Knows". Ein großartiges Repertoire, ein grandioser Abend.

Autor: Michael Dörfler