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09. Juni 2015

Tempo nicht auf Kosten des Ausdrucks

Julia Schröder beim Ettenheimer Musiksommer.

  1. Julia Schröder Foto: Julia Schröder

ETTENHEIM. Im neunten Jahr nennen die Musikfreunde Ettenheim ihre Musiksommer-Reihe "Glanzlichter aus acht Musiksommern". Am Sonntagabend allerdings war als Vertretung für den erkrankten Leiter des Freiburger Barockorchesters, Gottfried von der Goltz, erstmals die Violinistin und Professorin an der Musikhochschule Basel, Julia Schröder im Ettenheimer Rathaussaal zu Gast.

Schröder, die seit 2004 auch Konzertmeisterin und Leiterin des Kammerorchesters Basel ist, übernahm nicht nur den Termin, sondern fast das gesamte Programm von von der Goltz: Zwei Partiten und eine Sonate von Johann Sebastian Bach, dazu die letzte der Rosenkranzsonaten von Franz Biber. Violine pur, ein Konzert für Eingeweihte, könnte man meinen. Doch die Art, wie die hoch renommierte Violinistin das Programm darbot, machte aus anspruchsvollen Programm eine spannende und einleuchtende Einführung in die Feinheiten der Instrumentengeschichte – ohne dass dabei der Genuss zu kurz kam. Im Konzert bewies sich einmal mehr, dass man nur hört, was man weiß. Und da öffneten die kurzen Einführungen von Julia Schröder den Zugang zu manchem Detail, das einem sonst wohl verborgen geblieben wäre.

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Ist das Wissen um die Unterschiede zwischen Barockgeige (kürzerer Hals, kürzerer Bogen, Darmsaiten) noch recht verbreitet, sind die Parallelitäten zwischen Bibers Passacaglia g-Moll und Bachs Partita d-Moll doch sehr überraschend. Dass die technischen Unvollkommenheiten der Barockgeige den Vorteil haben, das "atmende, schnaufende" Spiel zu unterstützen, das für Schröder bei Bach zu bevorzugen ist, konnten die Zuhörer bei der heiteren E-Dur-Partita zum Schluss des Konzerts hören, das Schröder mit der Barockgeige interpretierte.

Schröder überzeugte auf der ganzen Linie, nicht nur wegen ihrer Virtuosität, sondern auch weil sie diese mit großer Emotionalität verbindet – beides, ohne die Komposition der Interpretation unterzuordnen. So erklingt Bachs hoch komplexe "Sonate Nr. 1 g-Moll" sehr ausdifferenziert. Schwingt Schröder sich im ersten Adagio-Satz noch langsam ein und setzt Akzente gerade dadurch, dass sie einzelne Passagen ganz schlicht belässt, lässt sie im Presto-Satz die Musik regelrecht explodieren und beweist, dass Tempo nicht auf Kosten von Ausdruck gehen muss. Sowohl Bach wie auch Biber haben ihre Werke auch selbst gespielt. Was sie wohl zu dieser unprätentiösen, hoch reflektierten und dennoch erfrischend individuellen Violinistin gesagt hätten? Das Publikum in Ettenheim war begeistert. Schröder bedankte sich für Applaus und Bravos mit einer freien Improvisation, bei der dann vollends klar wurde, dass hier eine leidenschaftliche Musikerin ihr Instrument nicht nur beherrscht, sondern auch versteht und liebt. Ganz große Klasse.

Info: Ettenheimer Musiksommer bietet noch weitere drei Konzerte: Infos unter
http://www.musikfreunde-ettenheim.de

Autor: Juliana Eiland-Jung