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05. Juli 2012

Tennis

Moritz Baumann vom TC Inzlingen: Der Komet aus dem Ersteltal

Moritz Baumann klettert in der Tennisweltrangliste auf Rang 370.

  1. Auf die nachhaltige Tour: Moritz Baumann, 25, aus Inzlingen Foto: kaufhold

TENNIS. Von hier oben ist Roger-Federer-City an diesem Sonntag nicht zu sehen. Wolkenberge und Nebelschwaden verkleistern die Sicht aus dem oberen Ersteltal hinunter nach Basel. Der Gewitterregen der vergangenen Nacht hat die vier Sandplätze des TC Inzlingen in eine Seenplatte verwandelt. Kein Tennisspieler verirrt sich bei diesem Schmuddelwetter auf die terrassierte Anlage im Grünen zwischen Herrenwald und Buttenberg. Kein Mensch, bis auf Moritz Baumann.

Sieht er Roger Federer schon? So weit will Moritz Baumann nicht gehen, das wäre zu vermessen. In Sichtweite zu einer lebenden Legende, die am Sonntag womöglich zum siebten Mal das Turnier vom Wimbledon gewinnt, bewegt sich die Weltelite dieses Sports. Federer ist seit einem Jahrzehnt der leuchtende Fixstern der Tennisgalaxie. Moritz Baumann, mit Verlaub, blinkt im Vergleich dazu als kleines Licht vom Ende der Milchstraße. Doch bei seinem Annäherungsversuch hat er nun auf Lichtgeschwindigkeit hochgeschaltet.

Die Reise des Kometen Baumann begann vor ziemlich genau einem Jahr auf Platz 1300 der ATP-Weltrangliste. Zum Jahreswechsel setzte sie irgendwo um 800 auf, inzwischen ist die Fahrt bei 370 angekommen. Seinem eigenen Plan ist Baumann dabei stets ein paar Dutzend Plätze voraus. "Besser hätte ich es mir nicht vorstellen können", sagt der Inzlinger. Das nächste Ziel ist die Qualifikation für die Australian Open im Januar 2013. Dafür muss er bis zum Jahresende in die Ranglistenregion um 250 vordringen.

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Das nächste Ziel: die Quali für die Australian Open

Baumanns Aufstieg in der Welt des Profitennis lässt sich mit der Kraxelei eines Bergsteigers auf einen Achttausender vergleichen. Erst geht alles ganz flott, man fliegt förmlich den Berg hoch, doch plötzlich wird die Luft dünner, jeder Schritt beschwerlicher. An so einem Punkt ist Baumann jetzt. Auf der ITF-Future-Serie, der untersten Ebene im Profizirkus, hat er in diesem Jahr Turniersiege in Frankreich und der Schweiz sowie Finalteilnahmen in Liechtenstein und Bulgarien eingefahren. Nun wagt er sich vermehrt an die Challenger-Turniere. Hier werden zwar mehr Preisgeld und Weltranglistenpunkte ausgeschüttet, doch Baumann muss sich wieder dem beschwerlichen Weg durch die Qualifikation stellen. Drei Spiele auf dem Weg ins Hauptfeld, drei oftmals zermürbende Matches auf dem Weg ins Glück.

Immerhin: In den kommenden Monaten hat er kaum Punkte aus dem Vorjahr zu verteidigen. "Bis Oktober habe ich keinen Druck", sagt Baumann. Dann fallen zehn Zähler vom Turnier in Heubach aus der Wertung. In Heubach schaffte Baummann im vergangenen Herbst erstmals den Finaleinzug bei einem ITF-Future-Turnier – ein Klick-Erlebnis. "Da habe ich gesehen, du kannst es doch."

Der mentale Faktor ist für ihn die entscheidende Größe, um nach vorne zu kommen. Das Vermögen, sich jeden Tag wieder auf den Punkt zu konzentrieren und fit zu sein, mache einen guten Profi aus. "Auf diesem Level geht es um die Konstanz, in jedem Spiel alle Schläge abzurufen", hat Baumann festgestellt.

Um den Kopf frei zu haben, muss die Physis stimmen. Vor einem dreiviertel Jahr bekam Baumann sein latentes Ellbogenproblem in den Griff. Er wechselte die Schlägermarke, zog andere Seiten auf und arbeitete an seinen Trainingsorten Zürich (mit Urs Walter) und Tiengen (mit Christoph Back und Partner Sandro Ehrat) an der Fitness. "Das hat mir sehr geholfen und mir Selbstvertrauen gegeben."

Eigentlich ist Baumann mit seinen 25 Jahren ein Spätstarter. Auf der Tour begegnen ihm zumeist Gegner, "die sich mit 16 ausschließlich auf Tennis konzentriert haben und kein Abitur anstrebten". Baumann hingegen wählte den nachhaltigen Weg: Abitur und ein viereinhalbjähriges Studium in den USA. An der Universität von Wisconsin erwarb er den Bachelor in Economics (Wirtschaft), schaffte es mit dem Tennisteam der Uni unter die top 16 des Landes ("für unser Programm ein großer Erfolg") und in der US-College-Einzelrangliste auf Platz sechs.

Im vergangenen Sommer, nach seiner Rückkehr aus den USA, suchte er den Einstieg ins Berufstennis. "Ich will es probieren", sagt er. "Die Gelegenheit ist jetzt oder nie." Finanziell ist dieser Weg bislang ein Zuschussgeschäft. Oberhalb von Weltranglistenplatz 200 könne man davon leben, schätzt Baumann. Gutes Geld verdienen aber nur die Top 100.

In den Tenniskreisen am Oberrhein ist Baumann kein Unbekannter. Nach den zarten Anfängen als Fünfjähriger beim TC Inzlingen, wo Vater Götz heute als zweiter Vorsitzender wirkt, führte ihn beim TC Lörrach der damalige Sportwart Otto Strohmeyer auf die Leistungsschiene. Er spielte Ober- und Badenliga für Blau-Weiß Oberweier und schloss sich im Vorjahr dem Regionalligisten TC 02 Weinheim an, der in die zweiten Bundesliga strebt. In Baden gehörte Baumann als Jugendlicher zu den Besten, spielte aber nicht so überragend wie der gleichaltrige Binzener Joschi Thron, dem schon mit 12 eine große Karriere prophezeit wurde. Ein unerfüllter Wunsch, wie man weiß. Heute sitzt der frühere Bollettieri-Schützling als Jungmanager von Angelique Kerber in den Logen von Paris und Wimbledon.

Thron schaut zu, Baumann steht auf dem Platz. An diesem verregneten Sonntag aber lässt auch er die Bälle im Auto. Inzlingen unter Wasser, ein Gespräch über seinen gelebten Traum als Profi führt er oben im Wald jedoch gerne. Noch sieht er Roger Federer nicht. Doch für einen hartnäckigen Allrounder wie ihn könnten die Wolken schon bald aufreißen.

Autor: Matthias Kaufhold