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03. November 2010
Dienst nach Vorschrift
Novak Djokovic ist in Basel, mit den Gedanken aber woanders.
BASEL. Vielleicht liegt es am leichten Schnupfen, dass Novak Djokovic in diesem Moment einfach nur Novak Djokovic ist. Früher war er gerne Mal Rafael Nadal oder Andy Roddick. Djokovics Kollegen-Imitationen sind in der Szene berühmt-berüchtigt. Auf den Tennis-Plätzen dieser Welt hat der Serbe mit seinen Parodien das Publikum amüsiert und die Gegner genervt. "Manche Spieler mochten das nicht", verriet der 23-Jährige kürzlich im "Zeit"-Interview. Deswegen habe er sich entschlossen, als Schauspieler kürzer zu treten.
Jetzt sitzt Djokovic im kleinen Presseraum der St. Jakobshalle in Basel und erzählt von seinem Vorjahressieg bei den Swiss Indoors, von einer für ihn schwierigen ersten Saisonhälfte, von seinen Verwandten in Genf und vom bevorstehenden Daviscup-Finale in Belgrad, das er am 3. Dezember mit Serbien gegen Frankreich unbedingt gewinnen möchte.Er rührt sich kaum in seinem Sessel, spricht leise, die Stimme ist leicht nasal. Der Schnupfen. Ein höflicher, zurückhaltender, ganz normaler junger Mann – sollte man meinen. Doch genau das will Djokovic nicht sein. Lieber ein Rebell. "Manchmal muss man die Regeln brechen", findet er. So wie die Altstars John McEnroe und Jimmy Conners, die mit ihren Wutausbrüchen und Faxen einst weit mehr boten als Aufschlag, Vor- und Rückhand. "Ich genieße es, Entertainer zu sein", gestand Djokovic in der Zeit. Mehr Leidenschaft, findet er, täte seinem Sport gut. Zu viele Spieler seien zu verbissen.
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Steht der 1,88 Meter große Schlaks auf dem Tennis-Platz, genießt er die Aufmerksamkeit des Publikums, saugt sie auf, nutzt sie, um sich anzuspornen. Und er macht das, was die Zuschauer lieben: Djokovic zeigt Emotionen, kehrt sein Innerstes nach Außen, lässt die Menschen teilhaben. Privat ist ihm das Interesse an seiner Person dagegen immer wieder lästig. Einfach mal Essen oder ins Kino gehen, das sei kaum noch möglich, erzählt er. Speziell zu Hause in Serbien ist um Djokovic ein wahrer Starkult entstanden. Und es sei durchaus schwierig, damit umzugehen, bekennt er. Für Bodenhaftung sorgen seine Eltern; "und andere Menschen, die mir die richtigen Werte vermittelt haben". Auch die Erinnerung hilft Djokovic bei seiner ganz persönlichen Ruhmesbewältigung. Wer mit 23 Jahren schon zwei Kriege miterlebt habe, der wisse, wie es sei, Nichts zu haben, so der gebürtige Belgrader.
An Tennis war in diesen schwierigen Zeiten nicht zu denken. "Die ersten Erfolge kamen für uns Serben erst vor drei, vier Jahren", berichtet Djokovic. "Inzwischen aber lebt das ganze Land für Tennis." Und er ist die Galionsfigur dieser rasanten Entwicklung. Anfang Dezember, wenn Serbien erstmals in einem Daviscup-Finale steht, findet sie einen vorläufigen Höhepunkt. Für Djokovic ist es sein "Spiel des Jahres" – und noch viel mehr: "Wenn wir gewinnen", verkündet er mit bedeutungsschwangerer Stimme und passendem Gesichtsausdruck, "ist es das Größte, was Serbien bis dahin im Sport erreicht hat."
Entertainer zu sein"
Novak Djokovic
Sein Erstrundenspiel bei den Swiss Indoors war es irgendwie auch. Gegen Ernests Gulbis aus Lettland gewann Djokovic gestern Abend zwar erwartungsgemäß mit 6:4 und 6:2, erledigte seinen Job aber eher sachlich. Auf Showeinlagen oder Gefühlsausbrüche warteten die erwartungsfrohen Zuschauer in der St. Jakobshalle vergeblich. Mehr als eine schlichte Siegerfaust bot ihnen Djokovic neben seinem dynamischen Spiel und den schnellen Beinen nicht.
Auch wenn Djokovic gerade in Basel seiner Arbeit nachgeht, den Titel bei den Swiss Indoors, wie er bekräftigt, auch durchaus verteidigen will: Mit den Gedanken ist der Weltranglistendritte längst bei jenem finalen Duell mit den Franzosen. Für alles andere muss vorübergehend Dienst nach Vorschrift genügen.
Autor: René Kübler



