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19. Mai 2017

Lohn der Leidenszeit

Mirjam Gämperli ist bei den Tennis-Oberliga-Frauen des TC 1923 Grenzach die neue Nummer eins.

  1. Zweite bei Schweizer Hochschulmeisterschaft: Mirjam Gämperli Foto: joke

TENNIS Oberliga Frauen: TC 1923 Grenzach – TC Radolfzell II, Sonntag, 11 Uhr. Der TC 1923 Grenzach ist in der Tennis-Oberliga mit zwei Niederlagen gestartet. Am Sonntag wartet mit der Bundesligareserve des TC Radolfzell der nächste Brocken. Neuzugang Mirjam Gämperli will ihren ersten Saisonsieg. Die Schweizerin ist leidgeprüft.

Im Spätsommer 2011 schien sich eine nennenswerte Tennis-Karriere anzukündigen. Bei der Swarowski-Juniorenmeisterschaft in Schaan in der Schweiz pflügte die damals 18-jährige Gämperli trotz sengender Hitze nur so durchs Teilnehmerfeld. Die Topgesetzte holte sich ohne Satzverlust den Titel, ihr angriffslustiger Stil begeisterte die Zuschauer. Ein Jahr vor ihrer Matura am Sportgymnasium in Davos war das. "Danach alles auf die Karte Tennis zu setzen, war mir zu heiß", sagt die 24-Jährige heute. Also setzte sie auf ein duales Modell. Tennis mit der beruflichen Ausbildung verbinden. Folglich bestimmten die Ausbildung bei einem Schokoladenhersteller und das tägliche Tennis-Training den Tagesablauf der Schweizer Tennishoffnung. Der Durchbruch schien eine Frage der Zeit zu sein.

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Bandscheibenvorfälle, OPs - zwei Jahre lang mit Krücken

Manchmal aber kommt alles anders. Fünf Jahre später startet die einstige Hoffnungsträgerin in der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Es läuft bescheiden. Die ersten zwei Spiele gegen das Top-Team Baden-Baden und Mengen gingen mit 0:9 und 4:5 in die Binsen. Die neue Nummer eins, Mirjam Gämperli, hat noch keines ihrer vier Duelle für sich entscheiden können. Die gute Laune kann ihr trotzdem keiner nehmen: "Ich habe einen Riesenspaß daran, Tennis zu spielen", sagt die Rechtshänderin, die man an ihrem freien Nachmittag entspannt in ihrer Oberentfeldener WG im Bezirk Aarau antrifft. Von dort pendelt sie täglich an die Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, wo sie Lebensmitteltechnologie studiert und bei Ex-Davis-Cup-Spieler Freddy Blatter trainiert. Zum Trainieren in ihrem neuen deutschen Verein ist sie bis jetzt kaum gekommen. "Manchmal bin ich zur Physiotherapie in Rheinfelden, dann versuche ich danach dort ins Training zu fahren." Sporadisch.

Gämperli ist ausgesprochen gut drauf. Die Gründe dafür erschließen sich erst mit Blick auf ihre lange Leidensgeschichte. "Ich konnte zwei Jahre lang nicht ohne Krücken laufen, habe drei Jahre lang keinen Tennisschläger in der Hand gehabt." Man hört den Schmerz förmlich nach. Drei Jahre lang musste sie pausieren. Zwei Bandscheibenvorfälle, zwei Sprunggelenksoperationen und eine Schulteroperation machten den Tennissport unmöglich: "Auf meiner rechten Körperseite war fast alles kaputt", sagt Gämperli. Erst seit letztem Jahr war überhaupt wieder an Sport zu denken. "Nachdem ich das erste Mal joggen war, sagte der Physio, ich könnte auch wieder Tennis versuchen." Und dann: "Das Ballgefühl, der Spaß, die Freude: Alles war sofort wieder da, als wäre ich nie weggewesen." Sie knüpfte rasch an ihre alten Taten an. Bei der Schweizer Hochschulmeisterschaft holte sie im Herbst 2016 direkt die Vizemeisterschaft und qualifizierte sich dadurch für die Europäische Hochschulmeisterschaft im Juli in Madrid. "Das muss die Belohnung für die lange, harte Zeit sein", sagt Gämperli, "ich hätte nie gedacht, dass ich noch einmal so weit kommen würde." Ihr neues Ziel: die Qualifikation zur Universiade in Taipei.

Vorerst aber wartet mit der Radolfzeller Bundesligareserve die nächste schwere Aufgabe in der Oberliga. Für Gämperli ist das noch Neuland. "Über die Gegner kann ich eigentlich nie etwas sagen", so Gämperli, die aber angetan vom Niveau der deutschen Oberliga ist. Am Sonntag wird der TC 1923 laut Mannschaftsführerin Diana Carollo, die Gämperli zum TC lotste, wohl mit der gleichen Besetzung wie in den ersten Partien auflaufen – hoffentlich aber mit einem anderen Ausgang.

Autor: Jakob Schönhagen