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02. November 2011 00:01 Uhr

Swiss Indoors

Roger Federer in Basel: Denn er weiß, was er tut

Auch bei den Swiss Indoors zeigt Roger Federer, dass er sein Dasein als Weltstar reflektiert betrachtet. BZ-Redakteur René Kübler hat die Schweizer Tennis-Ikone in Basel beobachtet.

  1. Roger Federers Perfektion auf dem Tennisplatz ist keine Selbstverständlichkeit. Foto: dpa

BASEL. Der fleißige Helfer im Pressekonferenzraum der Basler St. Jakobshalle wird nervös. Hektisch versucht er, die letzten Werbebanner anzubringen, immer wieder blickt er unsicher zu dem Mann, der gerade zwei Meter entfernt von ihm auf dem Podium Platz genommen hat. Es ist einer der bedeutendsten Sportler unserer Zeit. Und Roger Federer könnte es sich durchaus erlauben, genervt zu reagieren angesichts der Verzögerung. Immerhin hat Federer – wo immer er auftritt – wahre Interview-Marathons zu absolvieren. Besonders wenn er bei den Swiss Indoors spielt, in Basel, seiner Heimatstadt. Doch Federer ist ein Star ohne Allüren. Das Hilfspersonal hat nichts zu befürchten. "Lass gut sein", beschwichtigt er. "Es ist schon recht." Der junge Bursche mit den Sponsorenaufklebern in der Hand lächelt erleichtert.

"Seine innere Ruhe ist toll", sagte Lynette Federer kürzlich in einem Interview der Basler Zeitung. Wie gelassen ihr Sohn mit seiner immensen Popularität umgeht, ist bewundernswert – nicht nur für die Mutter. Der Grund dafür ist schlicht: "Ich fühle mich wie ein ganz normaler Mensch", betont Federer immer wieder. Er könne einfach nur sehr gut Tennis spielen. Es ist vielleicht seine größte Leistung, diese ebenso angenehme wie seltene Bescheidenheit zu bewahren. Denn das Ansehen, welches Federer weltweit genießt, ist enorm. Das Reputation Institute in New York wollte in einer Umfrage von mehr als 50 000 Personen in 25 Ländern wissen, welche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport sie am meisten schätzen – Federer landete hinter Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela auf Platz zwei. Eine Ehre. Und doch sieht der Schweizer die eigene Popularität kritisch. Der Mensch tendiere dazu, stets den Superman zu suchen, sagt er im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung. Federer weiß, dass er angesichts seiner Erfolge als solcher gilt und versucht, sich mit der nicht immer geliebten Rolle zu arrangieren. Leicht fällt es ihm nicht. Zumal er bisweilen den Respekt vor der sportlichen Leistung vermisst. "Wenn man eine lange Siegesserie hat, dann wird eher auf deren Ende gewartet, als sie zu bewundern", klagt Federer.

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"Man muss sich jeden

einzelnen Tag bewusst sein, wer man ist und was man tut."

Roger Federer
Er würde es nie öffentlich sagen, aber man merkt ihm an, wie sehr ihn die despektierliche Art der Kritik gerade jetzt nervt. Natürlich darf von einem, der 67 Turniersiege (16 davon bei Grand-Slam-Veranstaltungen) vorzuweisen hat, mehr erwartet werden als ein Erfolg in Doha Anfang des Jahres. "2011 war auch sicher nicht meine beste Saison", räumt Federer ein. Dass er nun in Basel als vierfacher Sieger der Swiss Indoors die Frage beantworten muss, wie er sich als Außenseiter denn so fühle, raubt ihm jedoch fast die Contenance. "Außenseiter? Das ist ein großes Wort", entgegnet Federer leise, für seine Verhältnisse aber doch bissig. Dann verweist er kurz und knapp auf seine Erfolgsbilanz. Da sei es doch wohl egal, ob er die Nummer eins der Weltrangliste sei oder wie aktuell eben die Nummer vier.

Im Spitzensport zählt Vergangenes allerdings wenig. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes verfügt Federer zwar "mit zehn Großaufträgen über das eindrucksvollste Sponsoring-Portfolio im Sport". Sein Werbewert wird zudem noch immer auf knapp 20 Millionen Euro beziffert. Dennoch häuften sich zuletzt die Spekulationen über Federers Karriereende. Der eine oder andere Experte legte ihm den Rücktritt sogar nahe – wegen mangelnder Konkurrenzfähigkeit im Vergleich zu den aktuellen Spitzenleuten Djokovic und Nadal. Dabei wurden Federer gerade noch Briefmarken gewidmet und Lokomotiven nach ihm benannt. Sein Tennisspiel wurde mal als Ausdruck menschlicher Schönheit, mal als religiöse Erfahrung dargestellt. "Ihm fallen die Dinge nicht nur leicht, sie fallen ihm zu", schrieb die Basler Zeitung.

Dass Federer außergewöhnliches Talent besitzt, ist unstrittig. Es wäre dennoch ein völlig falscher Ansatz, seine Erfolge allein darauf zurückzuführen. Auch ein Roger Federer muss hart trainieren. Auch für diesen technisch brillanten Könner ist es enorm schwierig, die psychischen Anforderungen zu erfüllen, die an einen Spitzenathleten gestellt werden. "Man muss sich jeden einzelnen Tag bewusst sein, wer man ist und was man tut", erklärt Federer sein Dasein als Profisportler und ergänzt: "Selbstvertrauen ist speziell im Tennis ein extremer Faktor." Natürlich schwebe man während dauerhafter Siegesserien auf einer Welle. "Da traust du dich mehr, hast in entscheidenden Situationen den Mut für besondere Schläge." Er habe bei Turnieren wie den Swiss Indoors aber auch stets die Angst, "dass plötzlich Aus die Maus" sei. Und wenn es, wie in diesem Jahr, zu ungewohnt vielen knappen Niederlagen komme, "dann beginnt man zu studieren, warum es so ist". Erfolg, sagt Federer, erleichtere Vieles.

Wenn der einstige Dominator der Szene so offen eigene Schwächen preisgibt, kommt einem unweigerlich der Gedanke, dass ihm tatsächlich der Glaube an sich selbst abhandengekommen sein könnte. Auch sein Erstrundensieg bei den Swiss Indoors gegen den Italiener Potito Starace (7:6, 6:4) gelang ihm nur mühevoll. Doch der alte Federer ist noch da. Von einer Zeitenwende im Männertennis will der 30-Jährige nichts wissen. "Ich fühle mich nicht in der Krise", versichert er. Und natürlich wolle er wieder die Nummer eins der Welt werden, "einfach um der Beste zu sein". Federer klingt ungewohnt trotzig. Da ist aber auch diese andere Sehnsucht, die klingt, als sei Roger Federer trotz seiner ausgeprägten Fähigkeit zur Selbstreflexion zum Getriebenen geworden: "Einfach mal sorglos drauflos spielen, ohne zu denken: Wann gewinnst du das nächste Grand-Slam-Turnier? Das wär’s."

Swiss Indoors, Ergebnisse 1. Runde: Baghdatis (Zypern) – Troicki (Serbien) 4:6, 7:6 (10:8), 6:2, Kukushin (Kasachstan) – Young (USA) 6:4, 6:2, Youzhny (Russland) – Lammer (Schweiz) 4:6, 3:6, Fish (USA) – Blake (USA) 0:1 (Aufgabe Fish), Wawrinka (Schweiz) – Dodig (Kroatien) 6:4, 6:4, Bellucci (Brasilien) – Nieminen (Finnland) 7:6 (7:5), 4:6, 3:6, Seppi (Italien) – Muller (Luxemburg), Ljubicic (Kroatien) – Llodra (Frankreich), Djokovic (Serbien) – Malisse (Belgien), Berdych (Tschechien) – Nishikori (Japan).

Autor: René Kübler