Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. Juni 2012 14:38 Uhr

Architektur

Testo-Bauten bei Titisee: Der Schwarzwald gibt sich selbstbewusst

Zwischen Titisee und Neustadt fügt die Lenzkircher Firma Testo einen aufsehenerregenden Gebäudekomplex in die Landschaft. BZ-Redakteur Wulf Rüskamp betrachtet ihn aus architektonischer Sicht.

Wer an der Straße baut, hat viele Baumeister. Das Sprichwort hat Burkart Knospe bewusst aufgegriffen: Schließlich steht der Neubau des in Lenzkirch ansässigen Unternehmens Testo AG direkt an der Bundesstraße 31, dort, wo sie zwischen Titisee und Neustadt in einer weiten Kurve hindurchfährt. Jeder, der mit dem Auto auf dieser Straße den Schwarzwald durchquert, wird das Gebäude sehen – und darüber reden, sagt Testo-Chef Knospe. Und damit über Testo, den rasch wachsenden Spezialisten für Messtechnik.

Für den Betrachter schrumpft das Volumen

Doch der Neubau, von dem bisher gerade ein Viertel steht, ist nichts weniger als ein Reklamegag. Es hat das Zeug zum Wahrzeichen eines sich selbstbewusst darstellenden Schwarzwalds, der moderne Arbeitsplätze in moderner Architektur bietet. Das wird kein Gebäudeensemble, das sich klein macht vor umgebenden Bergen – aber auch keines, das mit gewaltigen Baumassen in der Naturlandschaft auftrumpft. Dieses Gleichgewicht zu halten, diese Angemessenheit, verspricht das vom Freiburger Architekten Detlef Sacker entworfene Konzept: Büro und Fabrik samt Labor für rund 1200 Arbeitsplätze, aufgeteilt in vier Bürofinger und eine durchgehende Produktionsetage im Souterrain.

Werbung


Derzeit steht nur ein Finger, der am 16. Juni mit einem Besuch des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann offiziell eingeweiht wird. Der zweite ist schon in Planung – denn das auf dem Weltmarkt erfolgreiche Unternehmen will zielstrebig weiter in die Größe hineinwachsen, die die architektonische Planung grob vorgibt. 120 Millionen Euro werden hier überschlägig investiert.

"Wir zeigen uns hier als modernes Unternehmen mit modernen Arbeitsplätzen." Testo-Chef Knospe
Zugleich soll dieses Haus durch seine Gestalt und Funktionalität die dafür nötigen Arbeitskräfte gewinnen. "Wir zeigen uns hier als modernes Unternehmen mit modernen Arbeitsplätzen", sagt Knospe. In der Tat, wer ins Foyer dieses ersten Bauabschnitts tritt, ist überrascht über die Weite und Tiefe des Raums, dessen innere Glasfronten Durchblick in alle fünf Geschosse und in die Tiefe des Baus gewähren. Die Bürotrakte links und rechts sind großzügig erschlossen durch eine breite, sich bis zum Glasdach öffnende Mittelzone mit Aufenthaltsbereichen für die Mitarbeiter. Eine ausgefeilte Akustik unter der Decke hält den Geräuschpegel niedrig, und viel Aufwand wird getrieben für Kühlung, Lüftung und Lichtführung. Davon profitieren nicht bloß die hier Beschäftigten, sondern auch zwei Bäume, die mit ihrem Grün Abwechslung schaffen zu den sonst eher nüchtern-sachlichen, fast schon eng eingerichteten Büros. Deren Fenster öffnen sich alle hinaus ins Grün der Wälder und Felder – solange nicht die nächsten Finger des Neubaus stehen. Obwohl die Bundesstraße nahe ist, hört man von ihr so gut wie nichts. Wegen des Verkehrslärms müssen die Fenster geschlossen bleiben. Was aber nicht heißt, dass die Mitarbeiter auf frische Luft verzichten müssen: Im Fensterrahmen lassen sich schallgedämpfte Lüftungsschlitze öffnen, über die das gesamte Haus gekühlt werden kann.

Vier architektonische Mittel

Die für die Öffentlichkeit entscheidende Qualität dieser Planung liegt jedoch nicht in der intelligenten Technik, sondern in der äußeren Bewältigung des enormen Bauvolumens: Wo sonst gäbe es im Schwarzwald so viele Arbeitsplätze in einem einzigen Bauwerk? Das Büro Sacker hat sich mit seiner Idee im Wettbewerb gegen zehn zum Teil sehr bekannte Büros durchsetzen können, weil es dieses Massenproblem auf überzeugende Weise gelöst hat. Dass man sich um diese Frage auch nur wenig Gedanken machen kann, zeigt das Erlebnisbad gleich hinter dem Testo-Neubau: Dort dienen Gebäude nur als Hüllen für Funktionen, entsprechend fehlt eine Gesamtgestalt.

Es sind im Wesentlichen vier architektonische Mittel, die Sacker zu diesem Zweck einsetzt. So hat er auf eine durchgehend einheitliche und damit mächtig wirkende Fassadengestaltung verzichtet: Fensterreihen wechseln mit glatten Mauerflächen, an die wiederum Glasfronten anschließen. Diese optische Bewegung erfasst den ganzen Baukörper, und sie erreicht ihren Höhepunkt in den abgeschrägten Schmalfronten. Sie verleihen dem langgestreckten Gebäude eine zusätzliche Dynamik, als wollte es auf Betonpfeilern über die Bundesstraße schreiten. Da der Bau zudem die Geländestufen nutzt, verbirgt er seine wirkliche Höhe – nämlich sieben Geschosse, von denen aber maximal jeweils fünf zu sehen sind. Und dann prallt der 90 Meter lange Baukörper auch nicht in voller Breite auf die Straße oder den auf der anderen Seite liegenden Vorplatz: Durch einen Knick auf einer Seite erscheint er vielmehr schmaler und schlanker, als er in Wahrheit ist.

Kompromisslos modern

So schrumpft für den Betrachter das Volumen, ohne dass aber dadurch der Bau verniedlicht würde. Im Gegenteil: Die imposante Front der vier Finger, mit denen die Testo AG in vielleicht zehn Jahren in Titisee-Neustadt in die Welt zeigen wird, verändert dieses Hochtal. Ihre symbolische Bedeutung reicht darüber hinaus: Hier ist nirgends konservativ im Sinne von "schwarzwälderisch" gebaut worden, sondern kompromisslos modern – ein Signal für ein gewandeltes, von wirtschaftlichem Selbstbewusstsein getragenes Schwarzwaldbild.

Bei den Nachbarn kommt das zumeist gut an, wie eine Umfrage unter BZ-Lesern in Titisee-Neustadt ergab. Die vielen Baumeister aus dem Sprichwort können ja auch einmal weitgehend einer Meinung sein.

Mehr zum Thema:

Autor: Wulf Rüskamp