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18. Juni 2012

Teufelsaustreibungen und Gespräche im Sommerwind

Peter Handkes "Die schönen Tage von Aranjuez", das Théâtre du Soleil und noch vieles mehr bei den Wiener Festwochen.

  1. Vielleicht ein Liebespaar: Dörte Lyssewski und Jens Harzer in „Die schönen Tage von Aranjuez“ Foto: ruth walz

Gerade hat er für seinen sehr persönlichen Trauergesang "Immer noch Sturm" den Mülheimer Theaterpreis bekommen, doch dass Peter Handke auch das nicht ganz so Schwere liegt, beweist sein bei den gestern zu Ende gegangenen Wiener Festwochen uraufgeführter Sommerdialog "Die schönen Tage von Aranjuez".

Es treffen aufeinander: die wilde, im Sexuellen offenbar sehr erfahrene Frau und ein schüchterner junger Mann, der sich seine Kicks aus der Natur holt, etwa beim Zerbeißen einer immens sauren Johannisbeere. Gut anderthalb Stunden fließen und flimmern die Dialoge, wobei es eigentlich nur Monologe sind, jede(r) erinnert sich an intime Situationen, an Gefährdungen, Weggabelungen im Leben – gerne mit einer (sprachlichen) Pointe. Dass sich da vielleicht ein ehemaliges oder zukünftiges Liebespaar unterhält (im doppelten Wortsinn), schimmert durch, zugleich wirken die beiden wie radikal um sich selbst kreisende Gestirne.

Im Wiener Akademietheater hat Festwochen-Chef Luc Bondy das Ganze in einer Ausstattung von Handkes Tochter Amina inszeniert, es gibt nur wenige Utensilien, zentral ist ein großer roter Theatervorhang, durch den hindurch manchmal ein Mädchen schaukelt. Dörte Lyssewski und Jens Harzer spielen das Un-Paar exzellent. Luc Bondy lässt das Stück und seine Protagonisten eher in Ruhe und verzichtet auf vielleicht nahe liegende szenische Zoten. Dadurch kommt einem der durchweg gelungene Text sehr nahe.

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Wer das Spektakel, das Außergewöhnliche liebt, für den gab es bei diesen Festwochen genügend andere Angebote. Ariane Mnouchkine kam mit ihrem Théâtre du Soleil und hatte ihre neueste Kreation "Schiffbruch mit verrückter Hoffnung (Morgenröte)" im Gepäck. Seit Jahrzehnten begeistert das Sonnentheater mit seiner speziellen Mischung aus Bilderbombast, Akrobatik und zugleich ganz einfachen Mitteln.

Das neue Stück verknüpft vieles: Man dreht einen (Stumm)Film, begibt sich auf eine abenteuerliche Weltreise (inspiriert von einem späten Romanfragment Jules Vernes), die Ermordung des österreichischen Kronprinzen Rudolf spielt eine Rolle, ebenso der Tod des französischen Sozialistenführers Jean Jaurès. Queen Victoria liefert sich mit Charles Darwin ein verrücktes Würfelspiel, eine Kolonialistentruppe strandet auf Feuerland und wird (teilweise) von ebenjenen Ureinwohnern gerettet, um deren Ausrottung sich die Eroberer vorher bemühten. Und überall sind die Filmleute dabei, brechen Erzählstränge auf und verknüpfen die Ebenen vorübergehend wieder miteinander. Über vier Stunden dauert das, man erlebt eine ständige Ideenflut, die bisweilen arg überfordert. So etwas kann vermutlich nur ein organisch gewachsenes Ensemble wie das Théâtre du Soleil umsetzen, die Compagnie und ihre Chefin sind und bleiben eine singuläre Erscheinung in der globalisierten Theaterwelt.

Ebenfalls wohl einmalig ist Simon McBurneys Gruppe Complicite aus Großbritannien. McBurney bearbeitet gern Stoffe, die als bühnenuntauglich gelten. Diesmal war Michail Bulgakows unvollendet gebliebener Mammutroman "Der Meister und Margarita" an der Reihe. Diese gewaltig gewalttätige Faust-Variante gerät bei McBurney zum multimedialen Spektakel mit 3D-Animationen und einer ausdifferenzierten Klangkulisse.

Stets bieten die Festwochen auch zahlreiche Off-Produktionen und Experimente. Eine Entdeckung war das australische Back to Back Theatre. In "Ganesh Versus the Third Reich" geht es sehr krude zu: Der indische Elefantengott Ganesha wird während des Dritten Reichs nach Deutschland geschickt, um die Swastika zurück zu holen. Das Hakenkreuz gilt den Hindus als Fruchtbarkeitssymbol. Beim Back to Back Theatre spielen behinderte und nicht behinderte Schauspieler, mehr und mehr wird die Konfrontation mit dem "Unnormalen" Teil der Geschichte – und wenn hörbar Sprechgestörte etwa Hitler oder den KZ-Arzt Mengele mimen, entsteht herausforderndes Theater.

Als deutlich kulinarischer erwies sich dagegen ein weiterer Australien-Import. Cate Blanchett spielte die Titelrolle in Botho Strauß’ frühem Stück "Groß und klein". Blanchett versteht es, einer frustrierten, sehr deutschen Frau Leben einzuhauchen und zeigt, dass der oft bedeutungsschwere Strauß sich mit ein paar Kniffen als federleichter Boulevardautor entpuppen kann.

Autor: Jörn Florian Fuchs