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09. Juni 2012 00:01 Uhr
Interview
"The Absence": Neues Album von Melody Gardot
Jazzsängerin Melody Gardot, die beim ZMF in Freiburg auftritt, hat sich auf neues Terrain gewagt. Auf "The Absence" singt sie auf Portugiesisch und lässt sich Brasilien und Nordafrika inspirieren. Ein Interview.
Mit der Sängerin sprach Stefan Franzen über ihr Eintauchen in andere Kulturen und die Inspiration dunkler Räume.
BZ: Frau Gardot, Ihr neues Album resultiert aus Reisen nach Brasilien, Argentinien, Marokko und Portugal. Warum haben Sie es "The Absence" genannt? Sollte es nicht eher "The Presence" heißen, die Anwesenheit neuer Menschen, neuer Orte?
Melody Gardot: Ursprünglich war der Beweggrund meiner Reise die Faszination für die saudade, dieses Sehnsuchtsgefühl aus dem portugiesischen Kulturraum. Es gibt im Englischen kein Wort dafür und doch ist es genau dieses Gefühl, das auch ich in meinem Leben erfahren habe. Als ich nach der Herkunft des Wortes forschte, stieß ich auf das lateinische absentia, die Abwesenheit.
BZ: Haben Sie diese Reise schon mit der Absicht begonnen, ein Album daraus zu machen?
Gardot: Mein Beweggrund war eher das Verlangen danach, etwas zu entdecken, an Orte zu gehen, deren Sprache ich nicht spreche. Die moderne Welt hat dazu geführt, dass wir Inseln geworden sind, wir haben aufgehört, jenseits unserer Peripherie wirklich etwas wahrzunehmen. Ich aber wollte meine Perspektive erweitern. Und als ich mir mehr Zeit nahm, diese Orte zu erkunden, wurde ich ein Teil des Lebens dort. Ich schreibe ja ununterbrochen an Songs, und das Schreiben veränderte sich dann in Richtung einer Beobachtung. Ein großer Künstler ist immer auch ein guter Beobachter. Ich fing sogar an, Portugiesisch zu lernen und es wurde mir bewusst, dass da eine Jahrhunderte alte Linie zwischen der portugiesischen, der afrikanischen und schließlich auch der südamerikanischen Musik ist. Es war nur konsequent, dass meine Musik und meine Rhythmen sich veränderten und diese Veränderungen meine Seele durchdrangen.
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BZ: Haben Sie im Vorfeld die Lieder portugiesischsprachiger Musiker studiert, wie zum Beispiel Marisa Monte oder Caetano Veloso, an die der Sound auf "The Absence" zeitweise erinnert?
Gardot: Ja, ich liebe Caetano Veloso und Marisa Monte, höre ihre Songs seit vielen Jahren. Sie sind eine natürliche Inspirationsquelle für mich. Aber es lief nicht so ab, dass ich Songs wie sie schreiben wollte, eher war es das Feeling, das ich treffen wollte. Mein Produzent Heitor Pereira und ich waren darauf bedacht, dass die Musik nicht traditionell, sondern wie ein Hybrid klingt. Es ist wie bei der Einrichtung eines Hauses: Dort hast du ein Tuch aus Marokko, hier ein Gemälde aus Berlin, eine Lampe aus Frankreich. Du stellst dir alle Dinge so zusammen, wie sie für dich Sinn ergeben.
BZ: Welche Vorteile hat es für Sie, in Portugiesisch zu singen, fühlt sich das sinnlicher an?
Gardot: In einem dunklen Zimmer kann das passieren, ja (lacht). Es gibt Dinge, die kannst du nicht auf Englisch sagen. Den Song "Se Você Me Ama" habe ich gleich auf Portugiesisch begonnen und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, das zurück ins Englische zu bringen. So wie mein künstlerischer Verstand funktioniert, weiß ich gleich von Anfang an, in welcher Sprache ein Song geschrieben werden muss. Wenn ich zum Beispiel Sachen über Lissabon und Portugal erklärt habe, dann war Heitor in der Lage, mich auf halbem Wege zu treffen, und wir, er als Brasilianer und ich auf der Reise von Portugal nach Brasilien, haben beide über unsere verschiedenen Erfahrungen mit Portugal geschrieben.
BZ: Ein deutscher Journalist hat über Sie geschrieben, Sie hätten das erotischste Vibrato in der Musikwelt. Würden Sie da zustimmen? Und wie haben Sie das entwickelt?
Gardot: Ich habe es nicht entwickelt. Da hat mich wohl jemand einmal in einem dunklen Raum dazu inspiriert. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Huh, dieses Kompliment lässt mich erröten.
BZ: In "Lisboa" singen Sie über Ihre Zeit in Lissabon. Können Sie erklären, was Sie an der Stadt so fasziniert, dass Sie beschlossen, dort eine Zeit lang zu leben?
Gardot: Es ist ein makelloser Ort, ein Platz, der befreit ist von all dem Überflüssigen, das man in normalen Städten findet. Ein Ort, der alle Aspekte seiner Kultur bewahrt hat, von Mensch zu Mensch, Herz zu Herz, Hand zu Hand, und Getränk zu Mund (lacht). Dafür liebe ich diese Stadt.
BZ: In "Impossible Love" kann man Spuren des Tango hören. Es klingt aber auch ein wenig dunkel. Fühlen Sie sich von dieser schwarzen Seite des Tango angezogen?
Gardot: Die dunkle Seite des Tango ist zugleich seine helle, denn es gibt diese dunkle Seite allein nicht. Er ist aus einem Messerkampf entstanden und wurde erst später zu einem Tanz. Diese Leidenschaft mag ich, und außerdem ist es einer der wenigen Tänze, die ich beherrsche. Man sagt ja, der Tango wäre Liebemachen in der Vertikalen. Das stimmt nicht ganz, denn oft ist der Tango sogar befriedigender, hat einen sinnlicheren Ausdruck. Der Tango erlaubt dir, direkt zu deinem Wurzelchakra zu gehen, mit Feuer und Leidenschaft.
BZ: Im letzten Stück huldigen Sie Yemanjá, der Göttin des Meeres aus der afrobrasilianischen Glaubenswelt. Haben Sie in Brasilien auch zu dieser Welt Kontakt aufgenommen?
Gardot: Yemanjá ist meine Schwester, ihr Ehrentag ist an meinem Geburtstag! Ohne sie hätte ich die beschwerliche Reise von Land zu Land nicht überlebt, und deshalb ist es die schönste Schlusswendung für das Album, ihr einen Song zu widmen. Sie ist der Körper aus Wasser, der uns trennt, uns aber auch vereinigt. Das war für mich auch symbolisch für die Musik: Dieser Wasserkörper trennte und vereinigte auf meiner Reise die Klänge, die ich über das Meer getragen habe.
CD: Melody Gardot, The Absence (Decca/Universal). Konzert: Freiburg, ZMF, Do, 12. Juli, BZ-Kartenservice 0761/496 8888.
- Stimmen-Eröffnung:Alte Musik trifft Jazz
Autor: Stefan Franzen



