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19. Juni 2017

Mannheim

Apokalyptische Performance der Künstlergruppe Signa eröffnet19. Schillertage

Zum Programm gehören rund 50 Veranstaltungen: Diskussionen, Vorträge und natürlich wegweisende Schiller-Inszenierungen wie etwa Michael Thalheimers "Wallenstein" oder Stefan Bachmanns Basler "Tell".

  1. Betreuung und Missionierung: Szene aus der Performance-Installation „Das Heuvolk“ Foto: ERICH GOLDMANN

Wie die Börsen profitieren auch Zeitungen, Kabarett und Theater durch steigende Klick- und Zuschauerzahlen und erhöhte Aufmerksamkeit von der Daily-Trump-Soap. Das erratische Getwitter, die Dummheiten, Lügen und Widersprüche des irren US-Präsidenten sind das Beste, was einem müden Kulturbetrieb passieren konnte. Auch die 19. Mannheimer Schillertage stehen im Zeichen Trumps: Sein Kopf, übermalt mit einem grinsenden Smiley, prangt auf allen Plakaten. Das düstere Motto "Nach der Freiheit" ist mit dem tröstlichen Sepp-Herberger-Zusatz "ist vor der Freiheit" übersprüht.

Zum Programm gehören rund 50 Veranstaltungen: Diskussionen, Vorträge und natürlich wegweisende Schiller-Inszenierungen wie etwa Michael Thalheimers "Wallenstein" oder Stefan Bachmanns Basler "Tell". Drei Produktionen steuert das Nationaltheater selber bei, darunter gleich zum Auftakt eine ebenso faszinierende wie verstörende Performance des dänisch-österreichischen Künstlerduos Signa. "Das Ende unseres Planeten ist nah", schuld daran sei die Dummheit und Unmoral der Politik: Was der algerische Friedenspreisträger Boualem Sandal in seiner enttäuschend faden Eröffnungsrede gepredigt hatte, setzt Signa in "immersives Theater", eine Art begehbares Computerspiel, um.

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Neues Theater,
uralte Vorbilder

Die oft Tage oder Wochen dauernden, hyperrealistischen Installationen, die Signa Köstler, einst "Champagnergirl" im Rotlichtmilieu, jetzt Regisseurin, und ihr Partner Arthur Köstler an ausgesuchten Orten einrichten, sind eine neue Form des Theaters, die an uralte Vorbilder anknüpft. Signa sucht sich symbolträchtige Locations aus: stillgelegte Bordelle, leerstehende Plattenbauten, verwaiste Kinderheime. In Köln inszenierte Signa Kafkas "Prozess" im alten Kfz-Zulassungsamt, in Mannheim jetzt bereitet sich eine Sekte im ehemaligen Benjamin-Franklin-Village auf den Weltuntergang vor.

Der bereits halb von Unkraut überwucherte Kasernenkomplex weit draußen macht Fluchtversuche schon mal aussichtslos. Die klaustrophische Atmosphäre gehört zum Konzept. Signas Theater macht den Zuschauer zum Mitspieler, Komplizen, Freund oder Feind, ohne ihn freilich zu bedrängen oder bloßzustellen. Er wird mit Plots, Charakteren und Bildern (in Mannheim auch mit der wirren Kosmogenie und dem Glaubenssystem einer Sekte) konfrontiert, deren Sinn er sich erst nach und nach, durch soziale Interaktion, Fragen und Handeln, erschließen kann. Die Akteure wiederum bekommen nur vage Rollenskripts vorgegeben, die sie improvisierend ausfüllen müssen. In "Das Heuvolk" kommen 45 Gläubige auf 60 Zuschauer: eine Quote, die individuelle Betreuung und intensive Missionierung ermöglicht.

Die Geschichte geht ungefähr so: Als Jake Walcott, US-Soldat und Pfingst-Prediger in Mannheim, von Visionen und Wahrträumen heimgesucht und aus der Army entlassen wurde, begann er, Jünger um sich zu scharen. Nach seinem Tod vor einigen Monaten ist die Gemeinde der "Himmelfahrer" führerlos, ängstlich und verwirrt. Ihr Ziel ist nur noch, möglichst viele Himmelfahrer aus dem "Heuvolk" vor der Verdammnis zu retten und dann gemeinsam zu Jake "hinüber" zu gehen. Man darf ruhig an Gurus wie Ron Hubbard, Charles Manson oder an Jim Jones denken, der seine Anhänger 1978 zum Massenselbstmord im Urwald führte.

An diesem Punkt nun kommt das Publikum ins Spiel. Man wird am "Haus der Götter" freundlich empfangen, von überflüssigem Tand (Rucksäcke, Handys, Jacken) befreit und in die Mythologie der Jakesianer eingeführt. Danach darf und soll man sich frei durch die 15 Räume ("Schreine") bewegen, in denen die Sektenmitglieder ihrer anstrengenden und gefährlichen "zeremoniellen Arbeit" nachgehen: böse Geister bannen, die elf Erdgötter und den Aal beschwören, Reinigungsrituale, Gebete, Predigten, Lieder. Das Heilsgeschehen wird durch einige Prisen Sex, Gewalt und Joints beschleunigt; zwischendurch gibt es Häppchen, Getränke, liebevolle Umarmungen und verführerisches Flüstern im Dunkeln: "Auf dich haben wir gewartet. Du bist etwas ganz Besonderes. Komm mit uns."

Die Himmelsfahrer schwanken mit selig leuchtenden, traurigen oder auch weinenden Augen im Nirwana zwischen transzendentaler Meditation, frommer Zuversicht und tiefster Verzweiflung, und auch uns Heuvolk ist die Situation nicht ganz geheuer: Was ist Skript, ein Theaterstück über Manipulation und Macht, was persönliche Ansprache oder Einbildung? Die Einrichtung der Zimmer ist muffig und scheußlich, aber liebevoll bis ins Detail: überall pastellfarbene Vorhänge, Borten, Plüschsofas, Kunstblumen, Tarot-Wandgemälde, Voodoo-Altäre mit Püppchen, Masken und ausgestopften Tieren. Mal fühlt man sich wie im Salon einer alten englischen Lady, mal wie in einem gruseligen Mädchenzimmer, mal im Vorzimmer der Hölle.

So tut man dann auch Dinge, die man sich nicht mal im Traum vorstellen konnte: Fremden in der Pearl Box demütig die Füße waschen, der halbnackten Fever Lady ein Gläschen Schnaps in den Bauchnabel spucken, eine stöhnende Schmerzensmadonna mit roher Leber und Haarlocken stärken, sich in der "Schule der Himmelfahrer" mit Brennesselzweigen auspeitschen. Das alles ist eine seltsame Kreuzung aus faulem Budenzauber, schamanischen Tänzen, Traumatherapie und Extremperformance, aber merkwürdigerweise nicht einmal unangenehm.

Die Beobachterhaltung und die Distanzierungsstrategien, die man sich im klassischen Theater zurechtgelegt hat, hat man bald vergessen. Man will die freundlichen frommen Spinner, die uns bald besser kennen als wir sie, nicht enttäuschen, die Theater-Verabredung nicht brechen, und so taucht man zunehmend lustvoll ein in ein Meer wüster Bilder und wilder Erfahrungen, staunt und erschrickt, schämt und freut sich, wozu man als eingebetteter Zuschauer fähig ist. Als es nach fünf kurzweiligen Stunden um Mitternacht in der Militärkapelle zum Schwur kommt, reißen sich tatsächlich einige Besucher die Kleider vom Leib und streifen sich die weißen Brautgewänder der Erwählten über.

Da hören bei mir dann aber Verstehen und Mitmachen auf. Mögen die Himmelsfahrer uns verlorene Seelen auch noch so traurig anschauen und mitleidig streicheln: Lieber unrein als rein, lieber entzündliches Heuvolk bleiben, als in Jakes Himmelsschiffs steigen.

Weitere Infos unter http://www.nationaltheater-mannheim.de schillertage_2017.php

Autor: Martin Halter