Bastian Kabuths Oberhausener Inszenierung "Atmen" in Freiburg

Kathrin Kramer

Von Kathrin Kramer

Do, 07. Dezember 2017

Theater

VOR DER PREMIERE: Gespräch mit Bastian Kabuth, dessen Oberhausener Inszenierung "Atmen" jetzt in Freiburg gezeigt wird.

Während der Premiere sitzt Bastian Kabuth grundsätzlich nicht im Zuschauerraum. Der junge Regisseur steht hinter der Bühne und lauscht. Was er dann hört, nennt er die "Reduktion auf das, was der Kern der Inszenierung" ist. "Schon beim ersten Lesen eines Theatertextes hat man so ein Gefühl, wie der Abend sich anfühlen muss", erzählt er. Beim bloßen Zuhören später am Bühnenrand stellt es sich ein, das Gefühl – oder nicht. Im Zuschauerraum hingegen würde es Kabuth während der Premiere nicht aushalten. Die Nerven liegen blank – und wenn dann während der entscheidenden Szene, an der man wochenlang gefeilt hat, jemand sein Hustenbonbon auspackt. Da geht es dem Regisseur nicht besser als dem Geiger beim Adagio. Bastian Kabuth ist Künstlerischer Produktionsleiter am Theater Freiburg und führt Regie in Duncan Macmillans Theaterstück "Atmen", das vor zwei Jahren mit denselben Schauspielern schon in Oberhausen Premiere hatte.

Beim ersten Lesen des Stücks "Atmen" stellte sich bei Bastian Kabuth allerdings gar kein Gefühl ein, außer dass er den Text furchtbar fand. "Was labern die?", habe er gedacht. "Zeugt Euer Kind oder zeugt es nicht, aber lasst mich in Ruhe damit." Bis er bei erneuter Lektüre die "ernsthafte Sehnsucht und die Verzweiflung" erkannte, die sich hinter den Worten verbergen.

"Atmen" ist ein Zwei-Personenstück, das in der Schlange vor der Ikea-Kasse beginnt. Ein junges Paar verstrickt sich angesichts der vielen Wohlfühlaccessoires fürs Familienleben in eine Diskussion über seinen Kinderwunsch und ist, während es auf dem Parkplatz das Auto belädt, schon bei den grundsätzlichen Fragen der jeweiligen Einstellung zum Leben und zu den Zumutungen einer aus den Fugen geratenden Welt angelangt.

Vierzig Mal werden im Verlauf der Geschichte die Orte wechseln, die Jahre werden vergehen, und das Paar wird alt. Dennoch gibt es nur die beiden Schauspieler, die äußerlich gleich bleiben, und das eine Bühnenbild, schneeweiß, von Leuchtröhren begrenzt. Das ist alles. Allein durch den Text werden die Veränderungen von Zeit und Raum sichtbar. Inzwischen ist der britische Autor Macmillan Kabuths "Lieblingsgegenwartsautor".

Wenn Bastian Kabuth übers Theater redet, klingt er nicht wie einer, der gerade 30 Jahre alt und mit der zunehmenden Digitalisierung des Alltags groß geworden ist. Für ihn liegt die Chance des Theaters darin, eine Gegenwelt zu kreieren gegen die künstliche Stimulanz, die das Leben immer mehr beherrsche. "In der Straßenbahn zum Beispiel, da schaut doch jeder auf sein Smartphone oder auf den Bildschirm unter der Decke." Es werde, das ist Kabuths Vision, die Sehnsucht wachsen, wieder einem Menschen direkt zuzuschauen, der irgendeine Art von Geschichte zu erzählen hat.

Deshalb gilt sein Interesse am Theater vor allem der Sprache und den Schauspielern. Was er dagegen gar nicht oder nur in den seiner Ansicht nach selten gelungenen Ausnahmen schätzt, sind Stilmittel wie Videos auf der Bühne. Wenn das Publikum eine Träne nur erkennt, weil sie riesengroß auf einer Leinwand erscheint, statt sie, selbst in der letzten Reihe noch, zu spüren, dann fehle einer Inszenierung die Sinnlichkeit. Und auf die kommt es ihm an.

In Essen aufgewachsen, begann Kabuth sein Theaterleben als Schüler beim Jungen Schauspiel Essen. Was ihn dort sofort beeindruckt hat, war die Ernsthaftigkeit der Arbeit an einem Stück. Egal ob die Oma Geburtstag hatte: Wer zweimal fehlte, flog raus. Es ging ums Ganze. Nach dem Abitur zog Kabuth nach Berlin, jobbte als Beikoch und Flyerverteiler und bewarb sich mit nur einem Satz, den er an so gut wie sämtliche Bühnen der Republik verschickte: "Was spräche gegen einen Regieassistenten, der weder ein abgeschlossenes Studium noch eine Berufsausbildung hat und noch dazu 20 Jahre jung ist." Es kam keine einzige Antwort, bis irgendwann das Berliner Ensemble schrieb. Er stellte sich vor und blieb drei Jahre in Claus Peymanns Reich.

Danach drehte er auf eigene Rechnung, aber mit unentgeltlicher Unterstützung einiger erfolgreicher Schauspielerfreunde einen Film. "Mikrokosmonauten" erzählt von den beiden Obdachlosen Heinrich und Böll, die eine größere Summe Geld finden und sich plötzlich vor ganz neue Probleme gestellt sehen. Der Kurzfilm wurde zum Max-Ophüls-Preis und anderen internationalen Festivals eingeladen. Heute ist nur noch sein Trailer im Internet zu sehen. 2015 kehrte Kabuth zurück in seine Geburtsstadt Oberhausen, als Regisseur am Haus von Peter Carp.

Nein, er habe nicht studiert, keine Ausbildung absolviert, sagt Kabuth. Aber gelernt habe er viel in Berlin – bei Peymann, Manfred Karge, Thomas Langhoff, Robert Wilson und anderen. Auf die Frage, was er gelernt habe, fallen ihm als erstes Karges Gelassenheit und Humor ein. Was ihn an Peymann am allermeisten beeindruckte, war dessen "radikale Hingabe".

Es ist genau das, was Bastian Kabuth selbst in seiner Arbeit immer wieder sucht. "Dafür habe ich mich entschieden. Jeden Morgen, wenn ich zum Theater gehe", sagt er, zögert und spricht es dann doch aus, obwohl er weiß, dass das "kitschig" klingt: "ist das der Besuch bei meiner Liebe".

Premiere von "Atmen": Donnerstag, 7. Dez., 20 Uhr, Theater Freiburg, Kammerbühne.