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06. März 2017 00:01 Uhr

Auftakt

Beckett-Festival "Fail better..." im Freiburger E-Werk

Metaphysisches Kabarett, multimedial: "Kein Ich, kein Haben, kein Sein", sagte Samuel Beckett. "Es gibt keinen Weg weiter". Beckett war nicht umsonst der Kronzeuge für Adornos Ästhetische Theorie.

  1. Sprachen und Sparten übergreifendes Magisches Theater: Petra Müller-Stolz in der Eröffnungsperformance des Beckett-Festivals Foto: PaUL JAROSLAWSki

So radikal unversöhnt, so unhintergehbar für Durchhalteparolen und Affirmation aller Art, so puristisch und reduziert auf die kreatürliche Existenz brachte niemand das "beschädigte Subjekt" auf die Bühne. Adornos Negative Dialektik ist heute aus der Mode geraten, aber Becketts Theater hat sich erstaunlich gut gehalten; in den letzten Jahren gab es sogar eine kleine Renaissance. Jetzt erinnert der Freiburger Regisseur (und Beckett-Vertraute) Marek Kedzierski mit dem kleinen, aber feinen Festival "Fail better ... beckett@111" im Freiburger E-Werk daran, dass Beckett mehr ist als nur der Autor absurder Theaterstücke und Existenzialisten-Klassiker wie "Endspiel" oder "Warten auf Godot".

Die meisten seiner Stücke sind Fragmente, Varianten, Einakter, Dramolette, oft rätselhaft, nah am Rand des Verschweigens: in Schmerz und Sinnlosigkeit kreisende unerlöste Seelen, in denen sich die Grenzen zwischen Sprache und Körper, Komik und Entsetzen auflösen. Zwei dieser kleinen Stücke waren am Samstag zum Auftakt des Festivals im E-Werk zu sehen. "Nicht Ich" (1972) ist einer der Grundtexte des postdramatischen Theaters: Das Solo für einen Mund ist ein Sinnbild äußerster Reduktion auf Körper und Materialität der Sprache. Der klaffende Mund von Fabienne Trüssel spricht unwirklich hoch über der dunklen Bühne (bei der Uraufführung schwebte er zwanzig Zentimeter über dem Bühnenboden), in rasendem Tempo einen Text, von dem man zunächst kaum etwas versteht: Man sieht nur rote Lippen und weiße Zähne und hört Worte vorbeirauschen. Der Mund der Frau spricht davon, dass sie von klein auf von Liebe verschont worden sei, bei dem Wort "gnädiger Gott" lacht sie bitter auf, aber es geht nicht um Anklage, Psychologie oder Biografie. Es ist die überwältigende Sprache, der Wortschwall, der alles mit sich reißt und nach kaum einer Viertelstunde im Nichts versickert.

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Zugänglicher, aber nicht minder verstörend der zweite Einakter: "Katastrophe", 1982 in Avignon uraufgeführt. Auf der Bühne sind drei Figuren: ein Apparatschik, seine Helferin und der Protagonist. Der Mann, der offenbar das Sagen hat, könnte Regisseur, Showmaster oder auch Folterer sein. Auf seine Befehle hin traktiert seine Assistentin den Protagonisten, der gefesselt, stumm, aschfahl, mit hängendem Kopf auf einem Podest steht. Ist es ein Schauspieler, ein Gefangener, eine metaphysische Vogelscheuche? Behandelt wird er jedenfalls wie ein lebloses Objekt; als er am Ende autonom den Kopf hebt, ist es eine Katastrophe. Man kann die Situation als Theaterprobe oder Parabel auf eine Diktatur (Beckett schrieb das Stück für seinen Freund Vaclav Havel) deuten: Beklemmend ist es allemal.

Dadaistische Lautpoesie und Comic-Sprechblasen

Nach der Pause, im "Cabaret Métaphysik", wird es noch mysteriöser. "Jegliche Assoziationen zu lebenden oder toten Künstlern sind nicht nur beabsichtigt, sondern unvermeidlich", heißt es im Programmzettel, und tatsächlich ist das metaphysische Kabarett ein Sprachen und Sparten übergreifendes Magisches Theater, komponiert aus Sprache, Tanz, Geräuschen, Videos. Die Assoziationen reichen von dadaistischer Lautpoesie, surrealistischen Filmen und Fluxus-Performances bis zu Comic-Sprechblasen und zenbuddhistischen Rätseln. Die jamaikanische Dub-Poetin Jasmine Tutum berichtet von Fremdheitserfahrungen auf dem Ausländeramt, zwischen Inside und Outside von Ich und Welt. Der Jazz-Cellist Muneer B.Fennell ficht mit Bögen und Schreibmaschinen. Auf der Leinwand muhen Kühe, Schreibtische werden zu Trommeln in der Nacht, auf dem Körper leuchtet die Schrift "Ich werde es nie wissen". Raimund Schall und seine Kollegen vom Theater Zerberus wälzen sich am Boden, springen auf und ringen mit Becketts "Texten um nichts": "Ich bin in Worten, ich bin aus Worten gemacht, aus Worten der anderen. Ich bin alle diese Worte, diese Fremden, dieser Wortstaub ohne Boden, um sich darauf zu setzen."

"Ich werde suchen, was fehlt, damit alles klar sei", aber von Klarheit und Transparenz kann natürlich keine Rede sein. Manches geht daneben, bleibt in der Luft hängen oder völlig im Dunkeln, ganz im Sinne Becketts: "Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Beckett lebt, auch in Freiburg – nicht nur als Meister absurder Endspiele, vollendeter Sprachlosigkeit und überholter Avantgarden, sondern auch als Takt- und Ideengeber für Tänzer, Musiker, Performer und Filmemacher.

Autor: Martin Halter