Theater Freiburg

"Das Dschungelbuch" inszeniert im Großen Haus des Freiburger Theaters

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mo, 20. November 2017

Theater

Alles ist aus Plastik: Michael Schachermaier inszeniert „Das Dschungelbuch“ im Großen Haus des Freiburger Theaters als Stück in einem verlorenen Paradies.

Der Dschungel ist zerstört – einst war er ein ganz besonderer Ort, nun gibt es hier keine Tiere und Pflanzen mehr, nur noch einen großen Müllberg. Doch der lebt: wabert und wogt, bekommt seltsame Falten und Beulen, aus denen sechs Spieler mit Taschenlampen klettern und dann ihre Geschichte im Chor zu erzählen beginnen.

Ein ungewöhnlicher und melancholischer Einstieg in das Kinderstück nach Rudyard Kiplings Klassiker "Das Dschungelbuch", das jetzt im Großen Haus des Freiburger Theaters Premiere feierte: Das Paradies ist verloren, statt wuseliger Fruchtbarkeit und zauberhafter Disney-Idylle zeigt Regisseur Michael Schachermaier eine Plastikwelt, die nur noch ein Held mit starkem Glauben und viel Fantasie reanimieren kann.

Vielleicht ist Mogli ja dieser Held. Zuzutrauen wäre es ihm, so quicklebendig und kraftvoll spielt ihn Yalany Marschner, der Anfang des Jahres schon als Gomez beim Musical "The Addams Family" im Theater brillierte. Leider bleibt sein musikalisches und tänzerisches Potential weitgehend ungenutzt.

Eine Mixtur aus Pop und Rock kommt aus dem Off

Gerade mal einen Song hat ihm Paviz Mir-Ali geschrieben, und auch Choreografien hat diese Inszenierung nicht zu bieten. Das ist schade, war das Freiburger Publikum doch diesbezüglich verwöhnt: Immer mischte beim Familienstück eine Gruppe Live-Musiker mächtig mit auf der Bühne, Songs und Tänze waren ein Motor um die Geschichte in Schwung und die jungen Zuschauer bei der Stange zu halten. Dieses Mal kommt eine Mixtur aus Pop und Rock mit indischem Einschlag aus dem Off, keines der wenigen Lieder hat Ohrwurmpotenzial, die Texte sind nur schwer zu verstehen.

Dafür fließen alle Energie und Originalität in Bühne (Jessica Rockstroh), Kostüme und Puppenbau (Julia Beyer): Eben noch tote Müllhalde, wachsen im grünen Dämmerlicht plötzlich Palmen, fallen mit lautem "Flapp" riesige Lianen und Kletterpflanzen aus der Oberbühne, darüber leuchtet ein goldgelber Vollmond in samtigem Nachtblau, und ein paar gigantische Schmetterlinge und kunterbunte Vögel kreuzen die Szene. Alles ist aus Plastik – doch jetzt ist er da, der große Dschungelzauber...

Auch weil die Moglipuppe zum Leben erwacht ist und Freunde gefunden hat: Sebastian Thiers gibt den hinreißend gutgelaunten und verfressenen Bären Baloo, Dominik Paul Weber den geschmeidigen schwarzen Panther Baghira. Beide haben weder Kostüm noch Maske, agieren aber mit expressiver Körpersprache. Sie nehmen das haarlose Zweibein-Jungtier auf, da kann der komische Vogel bei der Tierversammlung auf dem Ratsfelsen noch so laut "Der Dschungel ist voll – die Obergrenze erreicht!" krähen, und auch Shir Khans (Martin Müller-Reisinger) düstere Prophezeiungen verhallen ungehört – Mogli darf erst einmal bleiben. "Wir machen ein richtiges Tier aus dir!", verspricht Baloo.

Es folgen lustige Szenen aus dem Dschungeltrainingscamp: Wie ein halbwüchsiger Zirkus-Tarzan schwingt und klettert Yalany Marschner an den Gummilianen, spielt mit den Fahrradsattel-Wölfen, taucht durch Plastikfolienflüsse – vor allem aber stibitzt er für seinen Freund Baloo den Honig aus den Bienenstöcken. Ein herrliches Leben, man kennt es aus dem Disneyfilm, nur dass statt der Gemütlichkeit hier ein saloppes "easy-peacy" die Tage bestimmt. Immer wieder wackeln und schreiten Kanister-Antilopen, Gummistiefel-Zebras, ein Regenfass-Nashorn oder eine Einkaufswagengiraffe durch den Urwald – die meisten werden von Stefanie Mrachacz und Katharina Halus gespielt, auch die Hauptfiguren nutzen jede Sekunde zum Rollenwechsel.

Als Mogli ein erstes Flaumfell im Gesicht wächst, ist seine Schonfrist als Jungtier vorbei – Baloo und Baghira wollen ihn zu seinem eigenen Schutz zur Menschensiedlung bringen. Doch da ist Mogli schon alleine losgezogen, trifft den Affenkönig King Louie und seine wilde Wischmopp-Bande, die gigantische Lüftungsschlauchschlange Kaa und schließlich Shir Khan, der alle Menschen hasst und Rache geschworen hat.

Vermisst man vor allem bei der Affenszene mitreißenden Tanz und Musik, so gerät die Inszenierung gegen Ende so spannend und gefährlich, dass zarte Kindergemüter es mit der Angst bekommen, bis dann die ganze Bühne in einem projizierten Flammenmeer aufgeht. Zum Glück kennt Mogli als Zwitterwesen zwischen Tier und Mensch, Natur und Zivilisation die Lösung. Wie, wo und wann seine Utopie vom friedlichen Zusammenleben aller Kreaturen Wirklichkeit werden kann: Das bleibt offen...

Aufführungen bis Februar 2018.
Termine unter http://www.theater.freiburg.de
Ab 5 Jahren. Karten beim BZ-Kartenservice Tel. 0761/4968888 sowie unter bz-ticket.de