Das nicht Verständliche der männlichen Gewalt

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 24. Januar 2019

Theater

Der Regisseur Milo Rau zu Gast in der Kaserne Basel.

Milo Rau, 41, lebt zur Zeit in Gent und in Köln. In Gent ist er seit Oktober Intendant des Stadttheaters, in Köln wohnt er mit seiner Freundin und zwei Töchtern (8 und 11). Milo Rau hält sich im Augenblick außerdem phasenweise in Mossul und in Matera auf. In der vom IS 2014 eingenommenen und 2017 in einer monatelangen Materialschlacht von den Regierungsstreitkräften zurückeroberten und dabei völlig zerstörten Stadt im Norden des Iraks probt der Schweizer Regisseur die Orestie des Aischylos, die dort am 27. März zur Aufführung kommen soll und danach durch Europa touren wird. In der süditalienischen Stadt, in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt, dreht Rau gerade einen Jesus-Film, der sich mit den ebenfalls dort entstandenen Jesus-Filmen von Pier Paolo Pasolini ("Il Vangelo secondo Matteo", 1964 ) und Mel Gibson ("The Passion of the Christ", 2004) auseinandersetzt.

Milo Rau kennt nichts anders, als unterwegs zu sein. In der Kaserne Basel, wo er vom Regisseur und Kurator des Festivals "It’s The Real Thing" Boris Nikitin zu einem sogenannten "Propagandagespräch" eingeladen war, erzählte Rau, dass er schon als Kind – nach der Trennung seiner Eltern, bei der er ein Jahr alt war – innerhalb der Schweiz elfmal umziehen musste. Das übt. Rau gilt als einer der innovativsten und politischsten Regisseure des zeitgenössischen deutschsprachigen Theaters. Er hat theatrale Aktionen im Kongo und in der Berliner Schaubühne organisiert. In "Kongo Tribunal" gelang es ihm, Opfer, Täter und Zeugen des mit 6 Millionen Toten belasteten Kongokriegs zusammenzubringen. Das Ereignis wurde in einem Dokumentarfilm festgehalten.

Und Milo Rau hat eine neue Form des dokumentarischen Theaters entwickelt: In Reenactements werden Fälle von Gewalt wie die Morde des Belgiers Marc Dutroux ("Five Easy Pieces") oder die Ermordung eines arabischen Homosexuellen durch drei weiße Belgier ("Die Wiederholung") durchgespielt – nicht in platten Rekonstruktionen, sondern in hintergründigen Konstellationen, die ihrerseits Abhängigkeitsverhältnisse auf der Bühne produzieren. Es ist das letztlich nicht Verständliche der "männlichen" (Rau) Gewalt, das ihn nicht ruhen lässt. Mit seinen gewagten Projekten hat er heftigen Protest hervorgerufen – etwa als er das "Manifest" des norwegischen Massenmörders Anders Breivik in einer szenischen Lesung auf die Bühne brachte und in Weimar, dem Ort der Uraufführung, vom Theater kurzfristig Hausverbot bekam; auch in München und Basel musste Rau auf Ersatzspielstätten ausweichen.

Ob er den Skandal suche, wollte Nikitin von einem aufgeräumten Milo Rau wissen. Ob das Aufsehen, das er mit seinen Produktionen errege, zu seinen Strategien gehöre. So weit wollte Rau nicht gehen. Allerdings räumte er ein, dass er sich künstlerische Arbeit nicht in einem echolosen Raum vorstellen kann. Der Autor im einsamen Kämmerlein ist für den ehemaligen Soziologiestudenten eher eine Horrorvorstellung. Als Theater- und Filmemacher sucht er den Diskurs, den Widerspruch, den Widerstand, der ihn geradezu anzustacheln scheint. Wie kommt man ohne Visum nach Mossul? Wie kommt man mit einem eingeschliffenen Theaterbetrieb klar, in dem alles nach Regeln zu laufen hat?

In Gent kann Milo Rau diese Aufgabe in den nächsten Jahren angehen. Zu Beginn seiner Intendanz hat er mit seinem Leitungsteam ein "Genter Manifest" verfasst, in dem sich das Theater dazu verpflichtet, eine feste Anzahl von Laien ins Ensemble aufzunehmen, in jeder Produktion mindestens und zwei Sprachen auf der Bühne sprechen zu lassen. Außerdem muss jede Produktion an mindestens zehn Orten in mindestens drei Ländern gezeigt und – siehe Mossul – eine Produktion pro Spielzeit in einem Krisen- oder Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur geprobt und aufgeführt werden.

Die Welt nicht abbilden, sondern verändern

Dazu musste der Intendant das angestammte flämische Genter Ensemble entlassen: eine sehr bittere Entscheidung, wie er sagte. Auch die Entfernung eines großen Kunstobjekts aus dem Foyer stieß auf Widerstand. Wer allerdings im Kongo oder in Mossul unterwegs ist, wird sich vor Genter Turbulenzen kaum fürchten. Dass Milo Rau mit Entschlossenheit ausgezogen ist, die Welt nicht abzubilden, sondern auch zu verändern, macht ihn für viele zum Hoffnungsträger eines Theaters der Zukunft. Was ihn auszeichnet, ist nicht nur seine Hartnäckigkeit, sondern vor allem seine Bereitschaft, künstlerische Absichten spontan zu ändern: In der Umgebung von Matera stieß er auf riesige Flüchtlingslager, deren Insassen der italienischen Argarindustrie als billige Arbeitskräfte dienen – was die Antiflüchtlingspolitik von Matteo Salvini als Farce erscheinen lässt. Der Jesus-Film wird nun ein ganz anderer werden als ursprünglich geplant.

Dem neuen Leiter der Kaserne Basel Sandro Lunin ist es zu verdanken, dass sein Haus verstärkt ein Forum für gesellschaftspolitische Debatten sein will. Im April ist der französische Soziologe und Autor Didier Eribon zu Gast.