Der Wirklichkeit auf den Leib geschrieben

Rolf-Günter Renner

Von Rolf-Günter Renner

Do, 05. April 2018

Theater

Heiner Müllers "Hamletmaschine" im Berliner Gorki Theater.

Dass die Zeit "aus den Fugen" sei, bestimmt Heiner Müllers Blick auf Shakespeare und seine Wahrnehmung der politischen Wirklichkeit seiner Zeit. Seine 1977 abgeschlossene "Hamletmaschine" entstand aus der Enttäuschung des kritischen Intellektuellen über den real existierenden Sozialismus der DDR und als Abgesang auf die Ära Stalins. Sie zerlegt Shakespeares "Hamlet" in nicht endende Szenen der Gewalt, raubt den Figuren ihre Namen wie ihr Geschlecht und ihren Ort in der Literatur. Müller verwandelt in Bilder, was er als unhintergehbare Wahrheit erkennt: dass jede Revolution ihren blutigen Preis hat, dass der Mensch dem anderen Menschen alles antut, wozu er fähig ist, und Geschichte nichts anderes ist als eine Fortschreibung von Gewalt.

Mit der Utopie der DDR war das nicht kompatibel. Kein Wunder, dass es dort zur ersten Aufführung der "Hamletmaschine" erst 1990 kommt, in einem "Riss zwischen zwei Epochen", denn im Hintergrund der Arbeit an der Inszenierung findet eine Revolution statt, die das Ende dieses Staates herbeiführt. An seiner Überzeugung, dass auch diese Revolution keine friedliche ist, sondern andere Formen der Gewalt freisetzen wird, lässt Müller weder in seinen öffentlichen Äußerungen auf dem Berliner Alexanderplatz noch in seiner achtstündigen Inszenierung am Deutschen Theater, die der Kritiker Matthias Matussek einen "Höllenwitz auf Shakespeare" nennt, keinen Zweifel. Schon vorher formuliert er: "HAMLETMASCHINE (...) kann gelesen werden als Pamphlet gegen die mörderische Illusion, daß man in unserer Welt unschuldig bleiben kann."

In der aktuellen Inszenierung von Sebastian Nübling, gebürtiger Lörracher und langjähriger Regisseur beim Jungen Theater Basel, am Berliner Maxim Gorki Theater spielt ein "Exil Ensemble" aus Afghanistan, Syrien und Palästina. Sein Leiter Ayham Majid Agha ergänzt Müllers Text durch einen eigenen, er erzählt eine Legendenversion der Kain und Abel-Geschichte, derzufolge sich der Ort von Kains Mord an einem blutigen Graben befindet, der ihm seinen arabischen Namen verleiht: Blut/Dam, Riss in der Erde/Shak werden kombiniert zu Damashk/Damaskus, dem Ort eines Bürgerkriegs, dessen arabische Bezeichnung "harb ahlieh" als "Familienkrieg" zu übersetzen ist. Neben die shakespearischen Gewaltszenen Müllers treten Kriegsbiographien, und Müllers "zweitem Clown im kommunistischen Frühling" tritt ein "dritter Clown im arabischen Frühling" an die Seite. Hinter einem Gazevorhang zum Hologramm verfremdet, erzählt Ayham Majid Agha bei dröhnend lauter arabischer Musik von modernen Hamlet- und Ophelia-Figuren: von einem libyschen Gefängnisarzt während eines Militärputsches, von einer jungen Frau, die in Teheran ermordet wird.

Doch über diese Bezüge auf die Gegenwart hinaus, die Berlin als "Stadt an einem Meer aus Blut, das bis Damaskus reicht", erscheinen lassen, gibt es auf der Bühne keine vereinfachenden Aktualisierungen, keine Beschwörung allgemein gültiger Humanität, keine Lehren aus, für oder gegen die Geschichte – erklärt vom Theater für ein aufzuklärendes Publikum. Vielmehr unterstellt sich diese Inszenierung Müllers Forderung nach einer "Verabschiedung des Lehrstücks" und seinem Diktum, dass das Theater nichts anderes zu zeigen vermag als "einsame Texte, die auf Geschichte harren".

Konsequent präsentiert die Aufführung eine Bilderfolge, in der Horror-clowns in Jumpsuits Zirkusnummern und Gewaltszenen spielen, choreographisch eindrucksvoll und überzeugend verbunden mit der Musik von Tobias Koch. Doch vor allem ist es Müllers Text, der durch eine Stimme aus dem Off und seine Abbildung als Schrift präsent ist. Diese wird in deutsch und arabisch auf einen Gazevorhang projiziert, der die Bühne in der Mitte durchschneidet. Zusammen mit dem englischen Text, der links und rechts der Bühne gezeigt wird, entsteht ein Schrift-Altar, der mit dem Bühnenbild korrespondiert. Diese Privilegierung eines Textes, der die "Dinge bis auf ihr Skelett zu reduzieren, ihr Fleisch und ihre Oberfläche herunterzureißen" vermag, gibt der Aufführung ihre Schlagkraft. Hier lässt sich nichts beschönigen, erklären oder gar umerzählen. Keine Hinweise gibt dieser Text, wie der Gewalt, die er obsessiv beschreibt, zu entkommen sei. "Was der Text sagt, sagt der Text", teilt Heiner Müller lapidar mit und entwirft ein Bild unserer Epoche, das sich seit Shakespeare auch den Körpern einzeichnet: "Wir sind bei uns nicht angekommen, solange Shakespeare unsre Stücke schreibt".

Weitere Aufführungen: 6. und 26. April, 12. und 26. Mai.