Die animalische Seite

Ute Wehrle

Von Ute Wehrle

Fr, 12. Oktober 2018

Theater

Staufener Kulturwoche: Andrea Bongers im Spiegelzelt.

Was tun, wenn man als allein erziehende Frau in der Mitte des Lebens steht und vom erwachsenen Sohn verlassen wird? Die Kabarettistin, Sängerin und Puppenspielerin Andrea Bongers, die bei der Staufener Kulturwoche mit ihrem Programm "Bis in die Puppen" im Spiegelzelt gastierte, weiß die Lösung: loslassen. An Plänen für ein barrierefreies Badezimmer arbeiten. Oder sich einen Welpen zulegen, der ihr einen triftigen Grund zum Staubsaugen gibt.

Frust und Zweckoptimismus: Um die ganze Gefühlspalette abzudecken, schlüpft die Kabarettistin – mal singend, mal charmant plaudernd – in die Rolle der Helikoptermutter, besser gesagt, in die eines Geiers, der ständig über dem Sohn kreist. Genauso zu Wort kommen die "leere" Lehrerin, die von ihren Schülern völlig überfordert zur Flasche greift, oder die Mutter, die den Alltag nur mit Ritalin bewältigt. Im Vergleich dazu kommt die Abhandlung über den Erziehungsberater Jesper Juules und seine diversen Ratgeber, die Andrea Bongers natürlich alle gelesen hat, eher etwas zäh rüber. Dafür sind die Dialoge, die die vielseitige Künstlerin mit ihren Puppen führt, wesentlich origineller. Etwa das Zwiegespräch mit ihrer "animalischen Seite", die vom Panter zum rotzfrechen Schaf mutiert ist.

Fehlt es vor der Pause trotz witziger Einfälle noch ein wenig an Biss und Tempo, holt Andrea Bongers im zweiten Teil des Abends kräftig auf. Als bayrische Bäuerin Anni in roten Gummistiefeln, die ihren Bauernhof in ein Bootcamp für Stadtkinder verwandelt hat ("die kriegen kein Taschenmesser auf, weil es keine Taschenmesseraufklapp-App gibt"), zeigt sie ihr komödiantisches Talent und erweist sich als wahre Entertainerin. Stand-up-Comedy beherrscht sie ebenfalls, nämlich als enttäuschte Mutter, die sich von ihrem Sohn Markus, den sie kurzerhand aus dem Publikum rekrutiert, zum Muttertag verwöhnen lässt. "Ist mir doch egal, ob der Muttertag von den Nazis erfunden wurde, ich will Blumen."

Nicht nur sie, auch die Puppen werden zunehmend kesser und scharfzüngiger. "Frauenkörper sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Es wäre eine Gnade, wenn Sie sich häuten könnten wie ich", stichelt die Kabarettistin als teuflisch gute Sexualtherapeutinnen-Schlange Sissi. Und – wer hätte es gedacht – Sex mit Puppen funktioniert. Zumindest mit Manolo, dem lilafarbenen Loverboy.