Die Mischung macht’s

Rolf Fath

Von Rolf Fath

Sa, 28. Juli 2018

Theater

Ein Unternehmen, das viel erreichte: Das Belcanto-Festival "Rossini in Wildbad" feiert seinen 30. Geburtstag.

Es hätte auch anders kommen können. Statt im Nordschwarzwald könnte das Belcanto-Festival heute auch in Unterfranken stattfinden. Im Juli 1856 trug sich Gioachino Rossini (1792-1868) als "Compositeur de musique, mit Gemahlin und Dienerschaft, von Florenz" im Gästebuch des Hotels "Zum Bären" in Wildbad ein, wo er sich während einer Thermalkur Linderung seiner vielfachen Leiden erhoffte. Anschließend reiste er ins unterfränkische Kissingen, das längst ein von den bayerischen Königen geschätzter und einem internationalen Publikum frequentierter Kurort war, wo auch Maximilian II. von Bayern den Komponisten aufsuchte.Wildbad erhielt erst 1990 das begehrte "Bad" vor seinem Namen, also zu der Zeit, als man sich wieder an den berühmtesten Badegast erinnerte und "Rossini in Wildbad" installierte, das den Namen des Ortes dank seines auch schon seit einem Vierteljahrhundert amtierenden Leiters Jochen Schönleber und emsigen CD-Produktionen in fernste Regionen trägt.

Oper als Flüchtlings- und Widerstandsdrama

Gespielt wird im Königlichen Kurtheater, das 30 Jahre nach Rossinis Aufenthalt entstand, ihm aber wohl gefallen hätte, sowie in der Neuen Trinkhalle, die sich mehr durch Größe als durch Schönheit auszeichnet. Man kann nörgeln über die szenische Qualität oder das rührend improvisierte Bemühen belächeln – unbestritten aber hat das Festival viel erreicht, unbekannte Werke Rossinis oder seines Umfelds und junge Sänger entdeckt, wie zuletzt Michael Spyres oder Jessica Pratt. Die Mischung macht’s. Auch im 30. Jahr. Mit "L’equivoco stravagante", der ersten abendfüllenden Komödie des 19-Jährigen, erinnerte man an ein Stück, das hier mehrfach gespielt und durch die Wildbader Initiative auf ein internationales Podium gehoben wurde. Den Abschluss bildete die deutsche Erstaufführung der "Zelmira", der Pariser Rossini ist mit "Moïse et Pharaon" vertreten.

Die Aufführungen im Kurtheater sind aufgrund des intimen Raums für 200 Besucher ein exklusives Vergnügen. Dort geht es bei der "Verrückten Verwechslung" drunter und drüber, wird der Geschlechterwechsel derart auf die Spitze getrieben, dass 1811 die Zensur eingriff. Den entscheidenden Kick erfährt die Komödienhandlung durch eine Intrige, die den Bräutigam glauben lässt, das Objekt seiner Begierde sei ein in Frauenkleidern lebender Kastrat. Ein ernster Hintergrund, wurde doch zu Rossinis Zeit diese Praxis unterbunden, worauf viele Kastraten ein klägliches Leben führten. In seiner Inszenierung zieht Schönleber alle Register einer zotenreichen Verwechslungskomödie. Die Braut, der vom Vater ausgesuchte Bräutigam und der Liebhaber wissen bald nicht mehr, was sie fühlen sollen. Musikalisch zeigt sich Rossini von seiner besten Seite, und das von José Miguel Pérez-Sierra angeführte Ensemble wird seinen Aufgaben gerecht.

Zehn Jahre nach seiner Uraufführung in Neapel brachte Rossini seine azione tragico-sacra "Mosé", völlig umgearbeitet, umgestellt und mit neuer Instrumentierung, in Paris heraus und schloss die Oper mit einem orchestralen Naturbild: Das Rote Meer teilt sich und bietet den Israeliten freien Durchzug. Rossini ebnete nicht nur den Israeliten den Weg, sondern auch der Grand opéra und gab der französischen Oper den Gesang zurück.

Leider konnte das Festival mehr erahnen als erkennen lassen, weshalb das Werk einst so geschätzt wurde. Fabrizio Maria Carminati leitete "Moïse et Pharaon" mit schwerer Hand, doch ab dem zweiten Akt mit der großen Geste, die einer Grand opéra ansteht. Der gewaltige Bass von Alexey Bilkus’ Moses ruhte auch nach drei Stunden beim Gebet "Des cieux où tu resides" noch so sicher und fest im Raum wie eine Gesetzestafel, während der Bass seines Gegenspielers (Luca Dall’ Amico als Pharao) auf wackeligerem Fundament stand. Als Moses-Tochter Anaï lenkte Elisa Balba Schärfen ihres Soprans in vokale Feuerwerke um. Schönleber inszenierte ein Flüchtlings- und Widerstandsdrama im Schatten der Wolkenkratzer auf der arabischen Halbinsel.

Gerne wurde "Zelmira" als Rossinis erste internationale Oper bezeichnet. Der Abschied aus Neapel sollte den Neustart in Wien befördern, der Stadt von Haydn und Beethoven, woraus eine merkwürdige zögernde Behandlung des staksigen Librettos und ein überaus elaborierter Orchestersatz resultiert. In Wien leitete "Zelmira" den Rossini-Taumel ein.

Dennoch verstummte "Zelmira" bereits zu Rossinis Lebzeiten. Bei der konzertanten Aufführung in der Trinkhalle enthüllte der mit Grandezza dirigierende Gianluigi Gelmetti "Zelmira" wie eine klassizistische Skulptur. Weitläufig und umständlich fügen sich die nur acht Nummern des 110-minütigen ersten Akts aneinander, wobei Gelmetti den Hörer für die kunstvoll subtile Begleitung empfänglich macht. Dass die Oper nicht begeisterte, ist ihm nicht vorzuwerfen.

"Zelmira" ist ein Denkmal der Mutter und Gattenliebe. Silvia Dalla Benetta gestaltet den Triumph der Treue und Tugendhaftigkeit mit demütiger Eleganz und bleibt der farblosen Zelmira keine Nuance schuldig. Die Helden der Oper sind der Intrigant Antenore und Zelmiras Gatte Ilo, die Rossini für seine Startenöre konzipiert hatte. Ilos "Terra amica" ist eine umfangreiche und brillante Szene, wie sie auch bei Rossini nicht häufig vorkommt, die Mert Süngü mit kämpferischer Machoattitüde und effektvoll herausgeschleuderten Spitzentönen rasant steigerte, während Joshua Stewart mit belegter Stimme und fokussiertem Klang eher in den Rezitativen auffiel.

Das Rossini-Festival endet am 29. Juli.