Die Relativität des Normalen

Michael Baas

Von Michael Baas

Do, 11. Januar 2018

Theater

Antje Schupps erarbeitete in Zusammenarbeit mit afrikanischen Künstlern queere Performance "Pink Money" in der Kaserne Basel.

Der Rossstall, die kleine Spielstätte der Kaserne Basel, erinnert grundsätzlich an einen Club oder Dancefloor. Diese Anmutung machen sich die in Basel lebende Regisseurin und Performerin Antje Schupp und ihre südafrikanischen Mitperformer Kieron Jina, Mbale Mdluli sowie DJ Annalyzer für die Produktion "Pink Money" geschickt zunutze. Am einen Kopfende des Saals haben sie ein Podest mit Mischpult installiert, in der Ecke schräg gegenüber thront eine aus Sperrmüll improvisierte "Pink Money Bar", an den Seitenwänden Podeste. Diese werden immer wieder zum Brennpunkt der drei Performer und Performerinnen, die schrill und schräg gekleidet mit schwarzen Netzstrümpfen, kurzen Trachtenlederhosen oder High-Heels durch das im Raum verteilte Publikum driften. Dazu gibt’s blendende Licht- und bronchienstrapazierende Nebeleffekte sowie Annalyzers wummernde Beats und Bässe, die am Ende manche gar zum Mittanzen animieren.

Der Club als Gegenmodell zum "normalen Alltag"

Dieses Setting aber ist mehr als ein skurriler Regieeinfall. Es spielt nicht zuletzt an auf die Tatsache, dass Clubs für lesbische, schwule, bi- und intersexuelle, transgender und queere Menschen, kurz die LGBTIQ-Community, beliebte Treffpunkte sind, ein Gegenmodell zum "normalen Alltag". Clubbing und Nachtleben sind Essentials der LGBTIQ-Kultur und die wiederum gibt die Grundtöne dieser rund 75-minütgen Performance vor. In einer Mischung aus Dokumentation, recherchierten Fakten einer- sowie einmontierten biografischen Schnipseln andererseits verbindet sie als Collage aus Disco, Choreografie, Filmsequenzen, Erzähltheater und provokanten Gesten queere Themen und queere Performer mit verschiedenen kulturellen Traditionen und Geschlechterrollen.

Ausgangspunkt ist das im Titel aufscheinende "Pink Money". So wiederum wird das Geld bezeichnet, das der LGBTIQ-Tourismus generiert. Das sind laut der Performance beachtliche Summen, in den USA, in der Schweiz und vor allem in Südafrika. Kapstadt gilt als Hotspot der LGBTIQ-Community – nicht zuletzt, weil die Gesetzeslage in Südafrika liberaler ist als an den meisten Orten der Welt, wie zu erfahren ist – liberaler auch als in der Schweiz, wo es in Basel nach wie vor Schwule gibt, die sich angesichts darüber denkbarer Diskriminierungen nicht trauen, in der Öffentlichkeit Hand-in-Hand zu laufen, wie es auch heißt. Entsprechend sind Flüge ans Kap der guten Hoffnungen frequentiert von den oft wohlhabenderen westlichen oder arabischen Schwulen und Lesben.

Die Frage aber ist, in welchen Taschen deren Geld landet und welche Verhältnisse dieser Geldkreislauf zementiert. Im Fall Südafrika etwa vertieft er, so eine These der Performance, nicht nur die Unterschiede zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung, sondern verfestigt rassistische Strukturen bis in die Intimsphäre der Sexualität. So ist "Pink Money" letztlich nur der Aufhänger, um globale Diskriminierungserfahrungen und tradierte Geschlechterrollen auszuleuchten. Da erzählt der Choreograf Kieron Jina die Geschichte eines gutgläubigen farbigen Jungen, der zum Lustobjekt schwuler arabischer oder westlicher Sextouristen wird, bei einer Umkehrung der Rollen aber mit harten Strafen rechnen muss. Ist Schwulsein mithin das Privileg reicher Weißer und Araber?

Solche Fragen aber überträgt die Performance auf eine globale Ebene. Die aus dem Johannesburger Township Soweto stammende Mbali Mdluli etwa schildert eine tragische Diskriminierungserfahrung im liberalen Amsterdam, Antje Schupp steuert Mobbing-Erlebnisse als Lesbe im kosmopolitischen Wien bei. Eingespielte Filmsequenzen öffnen weitere Dimensionen: Da erzählt zum Beispiel ein Mann, der sich als Frau fühlt, über das Verhältnis zu seinem Körper und seine Befindlichkeit. Da geht es aber auch allgemein um Gewalt gegen Männer und Frauen, die den überlieferten Geschlechterrollen nicht entsprechen. So ergibt sich ein unbequemer, in dem teils vulgären Jargon und den sexuell aufgeladenen Bildern auch irritierender Abend, der für Vielfalt und Widersprüche statt für genormte Einfalt plädiert und durch die Unmittelbarkeit, das Verwischen der Grenzen zwischen Spiel und Publikum besonders eindrücklich wirkt.

Weitere Termine: 11. und 13. Januar, jeweils 21 Uhr, Kaserne Basel