Ein Labor der freien Szene

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mi, 12. September 2018

Theater

Seit fünf Jahren läuft das Birsfelder Theater unter der Leitung von Sven Heier / Die neue Saison setzt das erprobte Konzept fort .

Arriviertes ist nicht Sache des Birsfelder Theaters Roxy. Hier wird Neues ausprobiert und produziert, hier haben zeitgenössischer Tanz und Theater mit überregionaler Ausstrahlung ihren Platz. Seit der gebürtige Duisburger Sven Heier das Haus im Oktober 2013 übernommen hat, gab es einige Änderungen im Konzept. Allen voran die zumal für Schweizer Verhältnisse unschlagbare Einheitspreis-Politik. Jede Karte kostet 15 Franken, wer mehr zahlen will, ist willkommen, wer es nicht tut, auch. 110 Vorstellungen gab es in der vergangenen Spielzeit, mit der Auslastung von 67 Prozent ist Heier sehr zufrieden, auch wenn für weitere Steigerungen noch Raum bleibt.

Experimente gewagt hat das Roxy schon immer, in Sachen Eigenproduktionen sei man aber inzwischen ein veritables "Labor der freien Szene" geworden, so Heier. Vor allem das "Mixed Pickles" genannte Programm für tänzerische Kurzstücke von je 20 Minuten Dauer hat sich als Sprungbrett für junge Tanzschaffende etabliert. Die Compagnien Bufo Makmal, Jeremy Nedd, Mirjam Gurtner und Alessandro Schiattarella sind daraus entstanden, die inzwischen schweizweit auftreten, dem Roxy aber weiterhin verbunden bleiben. Im Bereich Theater gehen die Kooperationen auch über die Grenzen hinaus.

Seit Jahren ist im Roxy die Gruppe "vorschlag:hammer" zu erleben, deren Wurzeln in Lörrach und Schopfheim liegen, die aber ihrerseits längst über die Region hinaus aktiv sind. In den kommenden beiden Spielzeiten wird es eine Kooperation mit den Birsfeldern und dem Schlosstheater in Moers am Niederrhein geben. Die Produktion "Ausgrabung", die Anfang Dezember ins Roxy kommt, nimmt Strategien der Archäologie ins Visier und will wissen, wie sich Geschichte anhand von Funden (re-)konstruieren lässt und wie sie gleichzeitig in die Zukunft wirken kann.

Unter dem Label "home made" stehen fünf Eigenproduktionen auf dem Programm, deren erste einen bis hin zum Geruchssinn spürbarsten Vor-Ort-Bezug hat. Tumasch Clalünas Theaterkollektiv "Kurzer Prozess" spielt im Umfeld der Kläranlage Birsfelden und lässt Neuzeit und Antike in Form einer Farce aufeinandertreffen. In "Augias, oder Herakles auf der Kläranlage" hat ein industrieller Mastbetrieb sämtliche Gülle in die Kanalisation fließen lassen. Herakles, der in der antiken Mythologie die seit 30 Jahren sich selbst überlassenen Ställe des Augias ausmisten sollte, sieht sich einer entsprechend neuen Herausforderung gegenüber, aber auch einem mächtigen Gegenspieler.

Besonderen Zeitbezug bringt "Skinned", ein Stück der Baslerin Mirjam Gurtner, in dem es um die Themen Sicherheitsverlust und Verletzbarkeit geht. "Ich denke, das ist gerade von großer Relevanz", erklärt die Tänzerin und Choreografin, "gefühlte Sicherheiten gelten plötzlich nicht mehr und die daraus entstehende Angst wird oft instrumentalisiert". Einen vergleichbaren Einstieg nimmt Alessandro Schiattarella, der für Inklusion auf der Tanzbühne steht. Er baut diesmal aus den Besonderheiten der beteiligten Tänzerinnen und Tänzern Kettenreaktionen, bei denen jede Bewegung und jede Eigenheit für die nächste unabdingbar ist.

Patrick Gusset entführt das Publikum schließlich wie schon die Klärwerkstruppe weg vom Roxy und diesmal in die ehemalige Coop-Verteilzentrale am Bahnhof Pratteln, die er mit einer ganzen Wand von flackernden Flachbildschirmen in Bewegung bringt. In "Rehearsing Afrofuturism" (Den Afrofuturismus proben) geht es dem dunkelhäutigen Basler um eine Umkehrbarkeit des Kolonialismus und eine alternative zukunftsweisende schwarze Geschichte. So bewegt wie ihre Zukunftsmodelle ist auch die performative Umsetzung angelegt. Proben und Aufführungen sollen deshalb hier eins sein.

Kassenfüller spielen weiterhin anderswo und sollen das auch. Mit 550 000 Franken an Subventionen seitens des Kantons Baselland und weiteren 15 000 Franken von der Standortgemeinde Birsfelden lässt sich das ambitionierte Roxy-Programm aber immerhin anstoßen. Projektbezogene Fördermittel kommen hinzu.