Ein Matchball für Künstler

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 14. Januar 2018

Theater

Der Sonntag Die Freiburger Kulturbörse feiert ein Jubiläum und verabschiedet ihren Gründer.

Abschied und Jubiläum zugleich wird bei der Freiburger Kulturbörse 2018 gefeiert. Gründer Holger Thiemann hört auf, wird Koordinator des Stadtjubiläums. Zum 30. Mal gibt es die Kulturbörse nun, sie hat sich zu der Messe ihrer Art in ganz Europa entwickelt.

Die Zahlen sind beeindruckend: Künstler aus 25 Ländern werden mehr als 300 Auftritte auf mittlerweile fünf Bühnen geben. Mit fast 400 Ausstellern sind die Messehallen 1 und 2 vom 22. bis zum 24. Januar gefüllt.

Es gibt einen Mann, der von Anfang an die kontinuierlich gewachsene "Fachmesse für Bühnenproduktionen, Musik und Event vorantrieb: Holger Thiemann. "Er verkörpert diese Messe, hat sie als ’Vater’ durchgebracht", sagt FWTM-Geschäftsführer Daniel Strowitzki über den Mann, der eigentlich in den Ruhestand gehen wollte, in den nächsten Jahren nun aber das Freiburger Stadtjubiläum 2020 organisieren darf. Mit Thiemann als Projektverantwortlichem im Auftrag des damals von Ludwig Krapf geleiteten Freiburger Kulturamts war die Kulturbörse 1989 im Bürgerhaus am Seepark gestartet. Damals noch im April, mit nur einer Bühne und gerade mal 40 bis 50 Ausstellern.

Es gab Gegenwind in dieser Anfangszeit. Vertreter der freien Szene, auch in Freiburg, sahen in der Kulturbörse erst eine Einrichtung, in der die Kunst dem Kommerz geopfert werden, weil die Künstler eine Teilnahmegebühr für ihre Auftritte zu zahlen hatten. "Welche unfassbar gute Chance so ein Auftritt aber ist, wenn im Publikum hundert Veranstalter sitzen, was es bedeutet, wenn ein Künstler mit einem Auftritt sich für Dutzende andere empfehlen kann, ist bald klar geworden." Ein Matchball für jeden Künstler quasi. Von Michael Mittermeier bis Eckhard von Hirschhausen waren bei der Kulturbörse viele Künstler zu sehen, deren Namen zu diesem Zeitpunkt weit weniger Menschen geläufig war.

An der Schweiz hat sich Holger Thiemann einst orientiert, dort hat er in den 80er-Jahren bei einer Kulturmesse seine Anregungen für Freiburg geholt. Und die Schweiz wird sich bei der Kulturbörse, bei der es schon seit mehreren Jahren einen Länderschwerpunkt gibt, als Schwerpunkt präsentieren. Für Thiemann bedeutet seine letzte Kulturbörse so nochmals eine Rückkehr zu den Anfängen. Der Kontakt zu den Veranstaltern aus dem Nachbarland riss nie ab, half ihm beim Netzwerken im Land der Eidgenossen, in welchem es eine unglaublich lebendige und vielfältige Szene gibt. Die große – ausverkaufte – Eröffnungsgala am Sonntag, 21. Januar, bei der gleich elf Acts auftreten, wird von zwei Schweizer Regisseuren geleitet, am Dienstag, 23. Januar gibt es einen Schweiz Abend, ein Auftritt von Endo Anaconda und seiner Band Stiller Has am Mittwoch, 24. Januar, im Jazzhaus gehört zur Kulturbörse.

Die Nachfolge von Holger Thiemann wird Susanne Göhner übernehmen, die unter anderem lange im Lörracher Burghof-Team mitgearbeitet hatte, zuletzt als Co-Geschäftsführerin neben Helmut Bürgel und 2011 nach Karlsruhe wechselte. Thiemann freut sich über diese Entscheidung, weil Göhner aus der Kulturszene kommt. "Jemand, der vom Messebetrieb kommt, hätte die Balance der Einrichtung vermutlich zu sehr weg von der Kultur kippen lassen."

Sie übernehme eine "Messe mit Seele", die lange, bevor alle vom Netzwerken sprachen als Branchentreff genau das gewesen sei, sagt Göhner. Mit "Entdeckerlust, die manchmal Ausgangspunkt für schöne Geschichten sein kann", will sie an ihre Aufgabe herangehen.

Sie strotzt also vor Kraft, zur 30. Auflage, die Kulturbörse. Aber wie ist es um die Zukunft einer solchen Messe für Veranstalter bestellt? Ist es mittlerweile nicht so, dass sich zu bald jedem Künstlers ein Video auf youtube finden lässt, und Veranstalter dazu verleitet, nicht mehr auf eine Messe zu gehen, um ihr Programm zu bauen? "Es ist wirklich schwer geworden", sagt Thiemann. "Es gibt ihn, diesen Generationenwechsel, wichtige Jahrgänge scheiden derzeit aus, die eine andere Bindung zu Kultureinrichtungen hatten, als die, die nachkommen." Das führe dazu, dass in Einrichtungen wie dem Freiburger Vorderhaus manchmal richtig angesagte Nachwuchskünstler vor einem Publikum auftreten, das ihre Großeltern sein könnte. Hier werde ein Schwerpunkt der Arbeit seiner Nachfolgerin liegen, meint Thiemann. "Aber ein Kulturveranstalter, der seine Arbeit ernst nimmt, wird sich die Künstler, die er verpflichtet, immer noch vorher persönlich anschauen."
30. Internationale Kulturbörse Freiburg, 21. bis 24. Januar, Messe Freiburg, Informationen unter http://www.kulturboerse-freiburg.de