"Ein philosophisches Werk"

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 23. Dezember 2018

Theater

Der Sonntag Das Theater der Immoralisten bringt Oscar Wildes einzigen Roman auf die Bühne.

Weit mehr als 100 Jahre liegen zwischen Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" und der "Generation Instagram". Und doch ist der einzige Roman des irischen Schriftstellers für Manuel Kreitmeier das Buch zur Sucht nach Likes. Seine Fassung des Klassikers hat am Samstag Premiere.

Dem Künstler Basil Hallward (Jochen Kruß) hat Dorian Gray (Chris Meiser) mit seiner Schönheit das Herz gestohlen. Zugleich verliert Gray wiederum aber seinen Verstand und seinen Charakter ob der verführerischen Einflüsterungen des diabolisch-nihilistischen Lord Henry Wotton (Markus Schlüter). "Schönheit und Jugend sind alles, Alter und Weisheit sind nichts", predigt Wotton. Und Oscar Wilde gibt dem von Sätzen wie "Der einzige Weg einer Versuchung loszuwerden, ist ihr nachzugeben" kirre gemachten jungen Mann auch gleich eine Möglichkeit, den eingeflüsterten Traum von der ewigen Jugend zu leben. Sein von Basil Hallward gemaltes Porträt soll an seiner Stelle altern, all die Sünden des Lebens sollen sich als Furchen in dessen Antlitz eingraben . . .

Psychologie statt politischer Analyse

"Nach mehreren politischen Analysen wie zuletzt ’1917 – Russisches Roulette’ wollten wir dieses Mal ein psychologisch-gesellschaftliches Stück machen", erzählt Manuel Kreitmeier, künstlerischer Leiter beim Theater der Immoralisten und Regisseur der Wilde-Fassung, die dort ab dem nächsten Samstag zu sehen sein wird. Kreitmeier hat eine eigene Fassung des Wilde-Textes geschrieben, sich zwar durchaus eng ans Original gehalten, es aber ins Heutige transferiert. "Das Werk wird ja gerne als der große homoerotische und in vielen Aspekten autobiografische Roman von Wilde gesehen, ich betrachte ihn aber vor allem als ein philosophisches Werk", sagt er. Eines, das Narzissmus und Jugendwahn thematisiert und damit wunderbar in eine Zeit passe, in der sich junge Menschen über die Anzahl ihrer Likes auf Facebook oder Instagram definieren und möglichst alles vom Leben mitnehmen wollen. Folgerichtig ist Hallward bei Kreitmeier dann auch kein Maler, sondern ein Fotograf und Grays Bildnis eine Fotografie.

Die andere Seite des "Salon-Löwen"

Natürlich sind autobiografische Züge bei "Das Bildnis von Dorian Gray" offensichtlich. "Die Leute werden denken, ich wäre gerne Dorian Gray, sei aber wie Lord Henry Wotton. Dabei bin ich wie Basil Hallward", soll Oscar Wilde selbst einmal gesagt haben. Also der abenteuerlustige "Salon-Löwe" sieht sich als die liebesfähigste unter den Hauptfiguren seines Stückes? "Er hatte beides in sich, den ausschweifenden Lebenswandel, aber auch den religiösen reflektierenden Charakter", meint Manuel Kreitmeier. "Er hatte auch das Bedürfnis, jemandem oder einer größeren Sache zu dienen." Der Roman von Oscar Wilde trage so gerade da autobiografische Züge, wo der Künstler sich nicht selber schont, wo er viel von sich preisgibt. "Für mich hat auch dies das Buch zum Klassiker gemacht."

Dorian Gray wird in der Fassung des Theaters der Immoralisten mit Chris Meiser von einer Frau gespielt werden. Für Kreitmeier entspricht die androgyne Figur, die so auf der Bühne entstehen soll, dem Gray, wie er im Roman von Wilde gezeichnet wird. "Es ist eine seltsam sexlose Figur, die wirkt wie eine griechische Statue. Und damit eine perfekte Projektionsfläche für Sehnsüchte."
Das Bildnis des Dorian Gray, von Oscar Wilde, Premiere am Samstag, 29. Dezember, 20 Uhr, Theater der Immoralisten, Ferdinand-Weiß-Straße 9-11, Freiburg, zahlreiche weitere Vorstellungen, genauere Informationen finden sich im Netz unter http://www.immoralisten.de