Ein Versprechen, keine Lüge

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Sa, 24. Oktober 2015

Theater

Tobias Ergenzinger und Tom Schneider bringen mit der Performancegruppe Off Deluxe "Fälschung der Welt" auf die Bühne.

Klar kann man alles fälschen: Identitäten, Doktorarbeiten, Aktienkurse und Lasagne – Kunstwerke sowieso. Wenn’s gut gemacht ist, ist die Welt zufrieden und der Rubel rollt. Wo also liegt das Problem? Sind Authentizität und Originalität in Zeiten der digitalen Postmoderne nicht völlig überbewertet? Mit Kunst und Täuschung spielt auch die Freiburger Performancegruppe Off Deluxe, die jetzt mit ihrer zweiten Produktion "Fälschung der Welt – oder wie Thomas Bernhard meine Gedanken gestohlen hat – ein Plagiat" die neue Spielstätte Südufer in Freiburg-Haslach eröffnete (Text: Tobias Ergenzinger, Regie: Ergenzinger, Tom Schneider).

Ihre Vorlage ist der 1955 erschienene Roman "Die Fälschung der Welt" des Amerikaners William Gaddis, der auf über 1200 Seiten erzählt, wie Hauptfigur Wyatt sein anfangs glühendes Künstlertum nicht für eigene Werke nützt, sondern zur Herstellung angeblich wiederentdeckter Gemälde alter Meister. Natürlich denkt man da sofort an den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und dessen millionenschweren Coup. Trotzdem zeigt man hier "keine Lügen, sondern ein Versprechen", so Erzähler Mathias Lodd vom Bühnenrand, während sich die Protagonisten in einem hinter der Fensterfront angebauten Raum auf ihre Stühle setzen (Bühne: Jens Dreske). Aus dem Off werden vielstimmig Briefe aus Wyatts Leben eingelesen. – Ein verwirrender Anfang für diejenigen, die Gaddis Roman nicht kennen. Und auch über die Identität des Schlagzeugers (Tobias Ruther) auf seinem Rollpodest gibt’s Konfusion: Ist das jetzt Wyatt, Steven oder doch Tobias?

Das ist genauso austauschbar wie die Rollen, die jetzt von den Darstellern per Spielkarten gezogen werden. Wie Schachfiguren nehmen sie ihre Plätze auf den weißen Holzpodesten ein. Hier fängt die Sache an, Spaß zu machen: pointierte Charakterisierungen, bissiger Schlagabtausch, karikiertes Körpertheater auf engstem Raum. Da ist die Möchtegern- Vampirschriftstellerin Esther (Isabella Bartdorff), die verzweifelt ihren Mann Wyatt (Mathias Lodd) anbaggert, der sich einen grotesken Balztanz mit seiner neuen Geliebten Esme (Alice Gartenschläger) liefert. Da ist der herrlich skurrile Romanfabrik- und Schnitzelrestaurantbesitzer Brown (Frank Albrecht) auf seiner skrupellosen Jagd nach Potential. Und da ist Otto (Anna Shumaylova), der jedes Wort mitschreibt und seinen Roman "Die Eitelkeit der Zeit" aus fremdem Leben saugt (Kostüme: Franziska Jacobsen).

Immer wieder fällt diese Versuchsanordnung in sich zusammen, Szenen werden gedoppelt, Dialoge zu absurder Satire. Ein Spiel im Spiel, die Bühne als Vexierspiegel. "Es geht doch darum, dass man mit einer Sache ringt!", jault Wyatt – "Hola, das klingt aber nach was..." spöttelt Schlitzohr Brown. Dreh- und Angelpunkt ist dann auch jener Faustpakt, in dem unser Held zum Kunstfälscher wird und Albrecht einen fantastischen Mephisto gibt. – Überhaupt wird die 80-minütige, kurzweilige Inszenierung von Schauspiel, Text und Bewegung gleichermaßen getragen. Erzählt wird bei aller Lust am Fake stringent, Ergenzinger hält sein Assoziationsgestöber dieses Mal fest an der Kandare. Und das Versprechen? Liegt ausgerechnet in Augustinus und seinem Rat, sorgfältig und liebevoll zu handeln.

Weitere Termine: 25., 29., 30., 31.10., 1.11., 20 Uhr, Südufer, Freiburg.