Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
04. September 2010
Eine Ära in Stuttgart
Der Theatermacher Klaus Zehelein wird 70.
Vielleicht kommt sich Klaus Zehelein hin und wieder vor wie ein einsamer Rufer. Sei es als Chefdramaturg der Städtischen Bühnen in Frankfurt, als Intendant der Stuttgarter Oper oder derzeit als Präsident der Bayerischen Theaterakademie – mit Temperament erhebt sich Zeheleins tabakgegerbte Stimme stets am lautesten, wenn wieder eine Sparwelle die Existenz der Bühnen bedroht oder wenn das Argument der Quote den Inhalt verdrängt. In Freiburg konnte man das Ende Mai eindrucksvoll bei einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins erleben, dessen Präsident Zehelein seit sieben Jahren außerdem noch ist. "Gesellschaft lässt sich nicht berechnen", sagte er damals in einem Interview mit der Badischen Zeitung. Und: "Was eine Gesellschaft langfristig ausmacht, ist, dass sie Orte des Ausprobierens, der Suche bereithält – Orte der Künste".
Aber Zehelein, der morgen seinen 70. Geburtstag feiert, hat sich nicht nur als Kritiker einen Ruf erarbeitet. Den Erfolg in seiner Karriere führt er auch auf Teamgeist und Prinzipien zurück. Wie ein Mantra betont er den Wert von Textverständnis, Ensemblearbeit und generalstabsmäßiger Vorbereitung – selbst für "Gassenhauer" von Mozart oder Verdi. Große Namen spielen für ihn nur bedingt eine Rolle: "Wir müssen Netrebko nicht engagieren, wir müssen eine solche Sängerin selbst ausbilden", sagt er. Der als "Dramaturgen-Superhirn" gepriesene Künstler hat sich zum Ziel gesetzt, das Prinzregententheater in München zur führenden Ausbildungsstätte für Theaterberufe zu machen.
Werbung
Auch für den Nachwuchs gilt sein Motto: "Die Oper ist nicht beliebig. Auch wenn wir das 50. Mal Rigoletto spielen, muss es eine Sensation sein." Für den Wahl-Stuttgarter ist das Theater kein Mittel zur Abendunterhaltung. Zehelein sieht die Bühne als Spiegel der Gesellschaft. Dieses Konzept hat er schon in seinen zehn Jahren als Chefdramaturg in der legendären Ära mit Michael Gielen am Frankfurter Opernhaus verfolgt. Es folgte die "Epoche Zehelein", die das Stuttgarter Opernhaus bei Kritikern über Jahre unantastbar werden ließ: Ein halbes Dutzend Mal wurde das Haus zum besten des Landes gekürt. Zeheleins Rezept: unbändiger Arbeitseifer, Sängerinnen wie Eva-Maria Westbroek und Catherine Naglestad sowie Regiemeister wie Christof Nel, Martin Kusej und Hans Neuenfels. Dazu das "Stuttgarter Modell", die spartenübergreifende Zusammenarbeit von Verwaltung, Schauspiel, Oper und Ballett.
Dass diese Entwicklung in Stuttgart keine Selbstverständlichkeit ist, zeigen die Erfahrungen seines glücklosen Nachfolgers Albrecht Puhlmann, dessen bis 2011 laufender Vertrag nicht verlängert wurde. Auch Zeheleins ambitionierte Experimentierbühne Forum Neues Musiktheater konnte Puhlmann unter dem finanziellen Druck aus dem politischen Lager nicht verteidigen. Auf Puhlmann folgt mit Jossi Wieler einer der prägenden Regisseure der Ära Zehelein.
Autor: dpa/BZ
