Es ist gar nicht so einfach, Raubkunst zurückzugeben

Martin Halter

Von Martin Halter

Do, 14. Juni 2018

Theater

FREIBURG FESTIVAL II: Postkoloniale Odyssee in Deutsch-Südwest: Die Berliner Gruppe Flinn Works mit "Schädel X" im E-Werk.

Man weiß heute, dass während der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika Schädel von getöteten Herero- und Nama-Kriegern zu "wissenschaftlichen Zwecken" ins Berliner Völkerkundemuseum verschickt wurden. Auch in den Sammlungen der Freiburger Universität landeten Hunderte von Schädeln aus Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia. Erst 2014 wurden 14 "ethisch problematische" Herero-Schädel aus den Beständen des Freiburger Anthropologen Johann Alexander Ecker und des NS-Rassenhygienikers Eugen Fischer an die Nachkommen zurückgegeben. 2011 endete ein ähnlicher Versuch in Berlin noch mit einem Eklat: Die Regierung wollte das Unwort Völkermord nicht in den Mund nehmen, um nicht Wasser auf die juristischen Mühlen der auf Entschuldigung und Entschädigung pochenden Nachfahren zu lenken.

Die Problematik einer würdigen Restitution geraubter Schädel thematisiert die Berliner Theatergruppe Flinn Works in einer Doku-Performance, die im Rahmen des Freiburg Festivals im E-Werk gezeigt wurde. "Schädel X" verschränkt mit einer Collage aus O-Tönen, Bildern und Texten die Herkunft zweier Schädel zu einer Geschichte des deutschen (Post-)Kolonialismus. Der eine ist – vielleicht – der des legendären Chagga-Führers Mangi Meli, der 1900 von den Deutschen hingerichtet wurde; der andere gehört Gerhard Ziegenfuß, einem aus der DDR stammenden Biologielehrer, dessen tragikomische Versuche der Schädelrückgabe der Performer Konradin Kunze als Reenactment nachstellt. Als er zum Vorsprechen im Theater einen Totenschädel sucht, stößt der Jungschauspieler Ziegenfuß auf den Schädel, den sein Urgroßonkel, ein Missionar, aus Tansania schickte und der seither zur Familienfolklore gehört. Der Versuch, den Schädel X im Keller zuzuordnen und an seine rechtmäßigen Erben zurückzugeben, gerät zu einer Odyssee durch Archive, Labore, Behörden und diplomatische Vertretungen. Niemand fühlt sich zuständig oder gar mitverantwortlich für Opas rassistische Trophäen; selbst der namibische Botschafter lehnt das Geschenk dankend ab. Ein alter Herero rät Ziegenfuß schließlich, den Schädel einfach ins Meer oder in den Müll zu werfen, aber das bringt der politisch korrekte Pedant natürlich auch nicht über sich.

"Schädel X" firmiert als "postkoloniale Lecture Performance", und das heißt: Es ist mehr Hörspiel-Doku oder szenische Vorlesung als Theater im klassischen Sinne. Schädel sind seit Shakespeares Hamlet unverzichtbare Theaterrequisiten, aber Kunze spricht keine Sein-oder-Nichtsein-Monologe. Im Gegenteil. An einem Tischchen mit Kameras, Mikros und Stativen hantierend, führt er Ziegenfuß’ mal komische, mal beklemmende Beiträge zur Rückgabe kolonialer Raubkunst vor. Er wälzt Tagebücher und Briefmarkenalben, spielt Telefongespräche mit seinem Vater nach, zitiert DNA-Gutachten, Behördenschreiben, Interviews mit Nachkommen, Lieder der Chagga – aber am Ende ist nicht einmal klar, ob der Schädel X Mangi Meli oder einer Frau aus dem Erzgebirge gehört.

Das alles ist historisch und politisch spannend, aber nicht unbedingt ein Dokudrama auf der Höhe der Zeit; Milo Rau oder Rimini-Protokoll arbeiten bei ihren szenischen Recherchen mit deutlich innovativeren Darstellungsformen. Bei Flinn Works liest ein weißer Mann alte Dokumente vom Blatt vor; eine "Triggerwarnung" warnt vorab vor bösen Texten, so als ob ein rassistisches Zitat aus einem anthropologischen Lehrbuch des 19. Jahrhunderts so gefährlich und überraschend wie Nikotin oder Pornografie in Kinderüberraschungseiern wäre. Nur wo der Schädel buchstäblich zur Projektionsfläche und sein Inneres zum Hallraum für schmerzhafte Bohr- und Kratzgeräusche wird, gewinnt die Politperformance auch theatrale Qualitäten.