Premiere

Freiburger Immoralisten überzeugen mit "1917 – Russisches Roulette"

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Fr, 12. Oktober 2018 um 19:35 Uhr

Theater

Ein irres Spiel ohne Regeln, überaus gelungen: Die Freiburger Immoralisten zeigen das selbst geschriebene Weltkriegs-Stück "1917 – Russisches Roulette".

Meint er das ernst? Manuel Kreitmeier wünscht dem Publikum vor der Uraufführung des Stücks "1917 – Russisches Roulette", das er gemeinsam mit Florian Wetter geschrieben hat, "viel Spaß!" Wer mit den Gedanken Erster Weltkrieg, Tote, Machtbesessenheit, Hunger, Kommunismus, Elend et cetera gekommen ist, der wird vielleicht kurz irritiert sein – sich dann aber erinnern, wo er ist: im Theater der Immoralisten, wo die Frage nach der theatralen Umsetzung komplexer historischer Stoffe schon zuvor auf höchst ungewöhnliche, aber zwingend stringente Art und Weise beantwortet wurde. Um es vorweg zu nehmen: Man hat tatsächlich auch an diesem zweiten Teil der Weltkriegs-Trilogie des freien Ensembles Spaß. Vielleicht aber weint man irgendwann auch angesichts dieses irren Spiels ohne Regeln, das Regisseur Kreitmeier und sein famoses Team aus den Geschehnissen der Zeitspanne von Februar bis Oktober 1917 destilliert haben.

Die beherrschende Farbe auf der Bühne ist revolutionsrot. Aber der dreiteilige Prospekt (Bühnenkonstruktion: Markus Wassmer) ist auch fröhlich gestaltet – mit schwarzen und grauen Kreiseln – und im charmanten Retro-Look. Davor stehen drei Pulte, an denen im Laufe des Abends – einer Gameshow – unterschiedliche Figuren der Weltgeschichte stehen. Links und rechts davon finden sich zwei weitere – fiktive – Figuren. Der Quizmaster und seine Assistentin Tatjana wollen wissen, warum Zar, Politiker und Revolutionäre so gehandelt haben, wie sie es taten. Oder warum sie zögerten, sich wegduckten, Intrigen sponnen, für ein theoretisches Konstrukt, eine Idee, die Menschen, die ihnen vertrauten oder die ihnen ausgeliefert waren, eiskalt opferten. Je nach Antwort dürfen die Männer im Spiel bleiben – oder sie fliegen raus, wenn ihre Ansehens-, Wichtigkeits-, Einfluss- oder Gesundheitspunkte zu tief in den Keller rauschen.

Klar ist: Kreitmeier und Wetter haben viel über die Russische Revolution gelesen, viel historisches Material ist in diese ungewöhnliche, knapp 90 Minuten dauernde Geschichtsstunde eingeflossen. Aber sie bilden dieses historische Material nicht möglichst objektiv ab, wie Wissenschaftler es tun würden. "Als Künstler lesen wir die Geschichte subjektiv und suchen nach Mechanismen, die uns als Menschen der Gegenwart Erkenntnis über uns selbst geben können", schreibt Florian Wetter auf dem Programmzettel. Freilich sind auch diese Erkenntnisse nur subjektiv erfahrbar. Jede Zuschauerin, jeder Zuschauer wird etwas anderes aus dieser Gameshow "Russisches Roulette" mitnehmen.

Zum Beispiel, wie Charisma und Rhetorik für einen Politiker einnehmen können, wenngleich Leo Trotzkis Mund doch ganz furchtbare Worte verlassen. Zum Beispiel, welche Sogwirkung massives, rhythmisches Klatschen und die laute Aufforderung, mitzumachen haben, wenngleich niemand im Publikum ernsthaft Stalin zujubeln würde. Es gäbe weitere Beispiele...

Doch zurück zur Gameshow, zu den mit Sorgfalt ausgesuchten und ausstaffierten Protagonisten: Zar Nikolaus (Jochen Kruß), die Politiker Pawel Miljukow (Markus Schlüter), Alexander Kerenski (Kruß), General Kornilov (Daniel Leers), die Revolutionäre Parvus (Leers), Trotzki (Schlüter) und Lenin (Florian Wetter), der Moderator Destiny’s Child (James Foggin) und seine Assistentin Tatjana (Anna Tomicsek). Die Führung des Abends liegt besondern zu Anfang bei dem glänzend aufgelegten Foggin, dessen Moderator in Anzug, Hemd und Fliege einen sich seriös-generierenden Einpeitscher spielt, der durch seine Fragen die Handlung, die ja vor allem in Dialogen und Monologen steckt, vorantreibt.

Anna Tomicsek ist die Rolle der Assistentin in immer wechselnden Kleidern und Perücken auf den Leib geschrieben, perfekt beherrscht sie den Flirt mit dem Moderator, die klaren Ansagen an die ausscheidenden Russen, sie bezieht das Publikum in ihr Spiel ein – und sorgt am Ende für große emotionale Momente, wenn sie zur Mutter, Frau, Tochter oder Schwester wird, die den Liebsten an den Krieg verliert. Florian Wetter agiert ungeheuer kraftvoll als Lenin, er lädt Überzeugungskraft und unbändigen Willen auf diese Figur, hart zu sich selbst, fatal hart in der Sache. Markus Schlüter meistert durch feines Spiel die beiden so unterschiedlichen Rollen des weichen Miljukov und des arroganten Trotzki; Daniel Leers zeigt seine Wandelbarkeit mit dem Strippenzieher Parvus und dem brutalen General Kornilov.

Auch für Jochen Kruß liegt die Herausforderung in der Verkörperung zweier Figuren, die nicht unterschiedlicher sein könnten: des Zaren, der seine Angst in Brutalität versenkt und den Politiker Kerenski, charmant, ehrgeizig, unbarmherzig. Das Publikum belohnte diese große Gesamtleistung mit lang anhaltendem Premierenapplaus.

Weitere Aufführungen bis 15. Dezember.
Infos unter: http://www.immoralisten.de