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11. Februar 2012 00:01 Uhr
Außenspielstätte Freiburger Theater
Graham Smith: Haslach erinnert mich an Brooklyn
Seit Sommer 2011 hat das Theater Freiburg unter Federführung der Tanzsparte pvc eine Außenspielstätte in Haslach. Zeit für eine Zwischenbilanz mit Graham Smith, künstlerischer Leiter von pvc.
Graham Smith war selbst mehrere Monate Artist in Residence im Haslacher Finkenschlag war und hat dort durchgehend regelmäßige Veranstaltungen betreut. Ein Interview.
BZ: Herr Smith, auch nach einem halben Jahr Kulturbetrieb werden sich noch viele Menschen fragen, was zum Teufel das Theater Freiburg in einer ehemaligen Haslacher Schluckerkneipe zu suchen hat. Aber bevor Sie darauf antworten, erklären Sie doch noch einmal, wie Sie überhaupt dorthin geraten sind?
Graham Smith: Mit der Antwort auf die zweite Frage ist im Grunde auch die erste beantwortet. Wir haben schon seit unserer ersten Spielzeit in Freiburg viel mit Formaten experimentiert, die rhizomatisch in die Stadtteile hinein wuchern, und wir haben viel mit Laien gearbeitet. Da lag die Idee nahe, all diese verschiedenen kleinen Formate einmal zu etwas Größerem zu bündeln.
BZ: Warum im Freiburger Stadtteil Haslach?
Smith: Es erinnert mich ein bisschen an Brooklyn. Es gibt hier ein Wahnsinnsspektrum an sozialem Leben.
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Smith: … vor zehn Jahren vielleicht, davon spüre ich heute gar nichts. Wir haben den Finkenschlag bei unserer Stadtteilrecherche vor zweieinhalb Jahren für uns entdeckt. Damals war es ein Geisterhaus, völlig leer.
BZ: Was hat Sie daran gereizt?
Smith: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als Artist in Residence habe ich mehrere Monate mit den Kindern aus der Kita Fidibus in der Kampffmeyerstraße verbracht und mit ihnen unter anderem den Finkenschlag in ein Kinderwunderland verwandelt. Plötzlich war der ehemalige Säufertreff ein völlig verspielter naiver Ort für Kinder. Davor haben sich die meisten Leute gar nicht hineingetraut. Dann sehen sie, wie draußen Kinder mit einem Drachenkostüm umherspringen und ins Haus hineinrennen, Tschaikowsky schallt heraus. Da stoppen die Menschen und schauen herein. Das ist der Reiz: Wir haben mit dem Finkenschlag ein weißes Blatt Papier, auf das wir unsere Pläne schreiben können.
BZ: Was sagen die Haslacher zu den Theaterleuten?
Smith: Wenn ich sage, ich bin vom Theater, sagen die Leute: "Wir haben schon genug Theater hier." Das sage ich aber nicht, ich sage: "Wir sind Tänzer", dann heißt es: "Tänzer? Wirklich? Tanz mal was!" Dann tanze ich was, und die sagen: "Ach, das ist Ballett." Dann sage ich, "Nein, das ist Ballett." – "Ah, du kannst wirklich tanzen. Mach mal HipHop!" Dann mache ich einen Backspin und die sagen: "Ey, cool, du kannst ja wirklich tanzen" und schon ist man im Gespräch.
BZ: Tanzen ist besser als reden?
Smith: Tanzen hatte schon eine soziale Funktion, bevor es auf die Bühne geholt wurde. Außerdem passt die internationale Qualität des Ortes sehr gut zum Tanz, der auch sehr international ist und Sprachgrenzen überwindet. Wenn die Leute herkommen frage ich gern: "Was gibt es in deiner Heimat für einen Tanz?" Sie zeigen es, und dann tanzt man erst mal zusammen. Das ist ein körperlicher Zusammenhalt, der leicht herzustellen ist.
BZ: Kommen denn Leute einfach mal so herein?
Smith: Wir sind hier immer mit Leuten konfrontiert, die mit dem Gestus reinkommen: Hier bin ich, mach was. Das nervt die Künstler tendenziell, macht aber auch den speziellen Charme im Finkenschlag aus: Die vierte Wand, die man im Theater immer mit Mühe wegzudenken versucht, existiert im Finkenschlag gar nicht. In den gelungenen Momenten spüren wir, dass wir einen Übergangsraum gefunden haben, in dem jeder sich willkommen fühlt.
BZ: Das erfordert einen Sinn für Spontaneität beim Künstler, oder?
Smith: Bei jedem Vorgespräch mit einem Artist in Residence sage ich: Kommt gerne gut vorbereitet, aber seid bereit, alles wegzuschmeißen, denn in diesem Haus läuft selten etwas so, wie man es erwartet. Wenn ihr hier alles unter Kontrolle bekommen möchtet, werdet ihr wahnsinnig. Aber wenn ihr Spaß am Chaos habt, und dann seht, wie dieses Projekt Kreise zieht, im Stadtteil, im Gemeinderat, in den Kirchen, den Vereinen, bei den Anwohnern, könnt ihr daraus viel Befriedigung ziehen.
BZ: Und was können die Anwohner daraus ziehen?
Smith: Stolz und Selbstbewusstsein darauf, in einem einzigartigen Stadtteil zu wohnen. Der Finkenschlag ist nicht nur unser, sondern auch ihr Werk.
BZ: Was genau ist denn dieses Werk?
Smith: Ein seltsamer Zwischenraum, weder Sozialarbeit, noch Kunst, es ist eine menschliche Aktion, die viel mit Empathie, Zeit und Geduld zu tun hat. Das muss man nicht auf einen Begriff bringen, das muss man miterleben. Deshalb betrachte ich es auch im Ganzen als choreographisches Projekt, denn der Tanz hat in besonderer Weise das Vermögen, etwas Unbeschreibliches darzustellen, ohne es festhalten oder definieren zu müssen.
BZ: Wird das Projekt über die Theatersaison hinaus weitergehen?
Smith: Die Leute kommen in Kontakt mit Künstlern, die eine ganz andere Welt für sie öffnen, da kann man nicht einfach nach Projektende abhauen. Aber wir von pvc könnten uns gut vorstellen, einen Teil der Verantwortung für den Finkenschlag auch an andere Sparten des Theaters zu übergeben. Der choreographische Blickwinkel darf gerne erweitert werden.
– Die nächsten Termine im Finkenschlag: 12. Februar, 15 bis 17 Uhr: Tanztee mit Mr. Smith. 17. und 18. Februar, 19 Uhr: "Winners & Losers" mit Kate Harman und Gavin Webber.
Autor: Jürgen Reuß
