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27. März 2010
Innere und äußere Steinbrüche
Dieter Bitterli bringt T.S. Eliots Gedicht "The Waste Land" mit Geige und Pferden in die Wolfsschlucht bei Kandern .
Der Himmel blass, die Buchenstämme silbrig grau, die Äste kahl und überall am Boden zwischen den vermoosten Felsblöcken noch das ausgezehrte Laub des Herbsts: Wüst ist die Wolfsschlucht hinter den toten Gleisen von Kandern im Übergang vom Tag zum Abend, vom Winter zum Frühjahr. Ein Ort, der wie geschaffen scheint, eine düster dramatische Naturkulisse für T. S. Eliots Weltgedicht "The Waste Land" zu sein: 1922 auch unter dem Eindruck der Verwüstungen des Ersten Weltkriegs entstanden, begründete es mit Bezug auf Ezra Pound das Langgedicht als Pfeiler der angelsächsischen Moderne. Es hat seine Spuren bis in die Balladen Bob Dylans gezogen; nicht zufällig beruft sich der Songwriter in einem seiner frühen Lieder ausdrücklich auf den in Amerika aufgewachsenen, später nach England übergesiedelten Dichter.
Am Anfang der Wolfsschlucht steht jetzt auf Weisung des Regisseurs Dieter Bitterli, der mit seiner Frau Dorothea Koelbing das Theater im Hof in Riedlingen betreibt, der Schauspieler Johannes Karl. Sein langer wehender Mantel, seine silbern glänzenden Handschuhe und sein in eine unbestimmbare Ferne gerichteter Blick weisen ihn als nicht ganz von dieser Welt aus. Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus, möchte man ihm zurufen. Die Musik dieser poetischen Expedition in innere und äußere Schluchten, vorbei an Abrisskanten und liegen gebliebenen Baumstämmen kommt nicht von Schubert, sondern von Harald Kimmig, dem in Freiburg lebenden Geiger, der sein Instrument von allen klassischen Zurichtungen befreit hat.
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Gemeinsam arbeiten sich die beiden ins Gelände vor: Karl mit den fünf Teilen des "Wüsten Land", Kimmig mit seinen bis ins tonlose Schaben, Knarzen und Flirren zurückgenommenen Improvisationen zu diesen Texten, die man weniger zu verstehen als sinnlich wahrzunehmen hat. So heterogen sind die Quellen, die Motive und die Bruchstücke, die ihr Autor mit dem Wagemut des lyrischen Pioniers zu einer wüsten Collage zusammengebunden hat. Griechischer Mythos und der Alltag auf Londons Straßen, Dantes "Inferno" und das leise Klirren von Teetassen, die Upanishaden und der Gesang der Singdrossel, Augustinus’ "Bekenntnisse" und Shackletons Antarktisexpedition stoßen hart aufeinander: "The Waste Land" ist ein lyrischer Steinbruch, wie die Wolfsschlucht ein realer ist.
Der junge Schauspieler macht die spannungsgeladene Vielstimmigkeit von T. S. Eliots Sprechen mitreißend hörbar – viel deutlicher und stärker, als es die bloße Lektüre vermöchte. Das Regieteam hat sich für die aus dem Jahr 1927 stammende Übersetzung von Ernst Robert Curtius entschieden, die in ihrem – gebändigten – Pathos bisweilen fremd in den Ohren klingt. Aber Dieter Bitterli hat sich wohl bewusst gegen eine Aktualisierung entschieden. Die machtvolle Naturarena, das meint man zu spüren, fordert das Gegengewicht der Befremdung. Träte Johannes Karl in Jeans aus der Felsspalte, es könnte lächerlich wirken.
Nun muss noch von den Pferden die Rede sein. Auch wenn sie mit T. S. Eliot auf den ersten Blick nichts zu tun haben, passen sie doch auf fast magische Weise zum – so der Titel des (frühen) Abends, ein Eliot-Zitat – "Grausen Wagen der Hingabe". Die Pferde sind auf einmal da; still grasen sie auf dem umfriedeten Platz am Ende der Schlucht. Die Pferde schließlich und nicht das Gedicht waren der Auslöser für diese ausgefallene, ungewöhnliche, höchst reizvolle Performance: die beiden Pferde des Künstlers Johannes Beyerle, der nicht nur zeichnet und Skulpturen macht, sondern auch der ist, der – man verzeihe die ausgelutschte Wendung, aber sie ist die einzig richtige – mit dem Pferd tanzt. Als ob es eine geheime Verständigung gäbe: So sind Pferd und Mensch in der Schlucht miteinander verbunden, ohne sich zu berühren. Wenn Beyerle läuft, läuft das Pferd. Wenn er stehen bleibt, stoppt es neben ihm. Wenn er rückwärts geht, nimmt es diese Gangart auf sich. Es muss ein Urvertrauen da sein. Und eine Zärtlichkeit. Das sieht man und ist seltsam verzaubert. Wenn man danach wieder aus dem Wald herausgeht, hört man die Vögel ganz anders singen.
– Aufführungen: Heute 17 Uhr Premiere. 30./31. März, 3./5. April, 18 Uhr. Karten: Tel. 07626/972081. Vom Parkplatz am Sportplatz Kandern (L 134) ist die Wolfsschlucht in wenigen Minuten zu erreichen.
– Ausstellung: Johannes Beyerle, Zeichnungen und Skulpturen. Kulturraum Altes Schulhaus Vogelbach. Bis 11. April (Öffnungszeiten sind zu erfragen unter Tel. 07626/977646.)
Autor: Bettina Schulte
