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14. März 2017 00:01 Uhr

Skandaloper "Salome" in Straßburg

Ist das eine Männerfantasie oder die Geburt eines Dämons?

Der französische Starregisseur Olivier Py inszeniert Richard Strauss’ Skandaloper "Salome" in Straßburg. Eines ist sicher: Langweilig wird es einem bei dieser Aufführung nie.

  1. Kindfrau mit Obsession: Salome (Helena Juntunen) Foto: KLARA BECK

Drei Grazien, bekleidet nur mit einem Nichts an bronzefarbenem Voile-Stoff, der mehr ent- als verhüllt, entkleiden einen Jüngling, färben seinen Körper feuerrot und legen ihm Engelsflügel an: Männerfantasien oder Geburtsstunde eines Dämons?

Oder Sinnbild für den Mond, der in Oscar Wildes und Richard Strauss’ "Salome"-Tragödie zwar nicht blutrot, aber, "wie eine Frau, die aus dem Grabe aufsteigt", als Todesmetapher daherkommt? Wer seine Obsessionen pflegen möchte, dem sei bei dieser Produktion ein frühzeitiges Einfinden in den Zuschauerraum der Straßburger Rheinoper empfohlen. Regisseur Olivier Py will, wie er im Programmheft sagt, die spirituellen Fragestellungen dieser 1905 uraufgeführten Skandaloper sichtbar machen. Schon bevor der erste Takt Musik erklingt.

Denn der französische Starregisseur, seit 2014 Leiter des Festivals in Avignon, bleibt seiner Ästhetik treu: Er taucht den Zuschauer in eine Flut symbolistischer Bildmetaphern und Allegorien – und der muss für sich entscheiden, ob sich hinter all dem mehr als opulenter Zeitgeist verbirgt. Eines ist sicher: Langweilig wird es einem an diesem Abend nie.

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Denn Ausstatter Pierre-André Weitz behandelt die Bühne wie ein riesiges 3D-Buch, eines von der Sorte, das man als Kind gerne aufklappte, weil eine Welt der ineinander versetzten Kulissen erstand. Die Überraschung gelingt, denn Weitz lässt den Anfang in nachtschwarzem Raum spielen, nur ein Schminktisch mit Glühbirnen um den Spiegel, eine Garderobe und ein Eisenbett stehen da. Die Fiktion des Theatralischen steht noch aus. Sie beginnt in dem Moment, als Salome den Propheten Jochanaan zu betören versucht. Da klappt sich vom Bühnenprospekt her ein Dschungel auf, ein Paradies, wie geschaffen für den Sündenfall. Der folgt in dem Moment, als Jochanaan Salome sein "Du bist verflucht" entgegenschleudert: Nun ersteht die gewaltige Skyline einer modernen Großstadt – Metropolis und Babylon zugleich.

Pys und Weitz’ Symbolsprache ist nah am Text – und manchmal auch am Kitsch: das tief verschneite, eisige Gebirge, das in dem Moment mit Getöse ersteht, in dem Herodes über den kalten Wind klagt, kommt wohl einer romantischen Seelenlandschaft gleich – trotzdem wirkt die Metapher überstrapaziert. Und schließlich der neugotische Kirchenraum mit den weißen (Todes-)Lilien auf dem Boden: Er ist die Projektionsfläche für das Sakrileg; in ihm baumelt der gekreuzigte Christus kopfüber, in ihm wird Salome den verruchten Tanz der sieben Schleier in einer Gruppenchoreographie zelebrieren, in ihm fallen die Hüllen, in ihm ist der rote Dämon präsent. Erst wenn Salome den Kopf des Propheten auf dem Silbertablett serviert bekommt, wechselt die Szene ein letztes Mal: Es erscheint eine große, graue Treppe, die ins Nirgendwo führt. Salome wird den abgetrennten Schädel an einem Seil befestigen, und da baumelt er dann, während zu den Schlusstakten am Horizont Nietzsches Apodiktum zu leuchten beginnt: "Gott ist tot". Salome aber eilt vor ihren Verfolgern nach oben, um sich hinabzustürzen – fast wie in Puccinis "Tosca", nur fünf Jahr vor "Salome" uraufgeführt.

Wobei Py in seiner Salome keine Femme fatale sieht. Er inszeniert die Figur als Kindfrau – Frank Wedekinds Lulu ist ganz nah. Auch das ist keine neue Sicht auf dieses Werk, wie überhaupt jede der Py’schen Deutungen Déjà-Vus entstehen lassen. Das ist legitim. Am Originärsten ist die Inszenierung mit Blick auf den geflügelten roten Dämon. Hier bleibt die Regie aber im Nebulösen: Wenn Gott – also die Religion – tot ist: Was soll dann der gefallene Engel? Da bleibt der Eindruck, dass der die Szenerie durcheilende rote Nackerte am Ende doch nichts anderes ist als postmoderner Bühnenchique...

Eindeutig ist diese "Salome" auf musikalischer Seite. Denn Constantin Trinks gelingt am Pult der Straßburger Philharmoniker eine bezwingende Sichtweise auf Strauss’ so ungemein farbige Partitur. Der Klang aus dem Graben ist trotz der bekannt trockenen Akustik des Raums sinnlich, glänzend – und dabei ganz differenziert, durchsichtig. Besonders die Streicher schwelgen in wienerischer Manier und verraten, dass der Komponist in seines "Salome" schon eine ganze Menge "Rosenkavalier" verpackt hat (zum Beispiel in Teilen des Tanzes der sieben Schleier). Dass bei den Bläsern nicht immer alles rund läuft, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

Bemerkenswert aber ist die exzellente Balance zwischen Orchestergraben und Bühne. So kann Helena Juntunens zart-lyrischer, "kindfraulicher" Sopran mühelos strahlen – expressiv, aber nicht dramatisch. Auf Großstadtniveau auch die anderen Partien: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke (Herodes), Susan MacLean (Herodias), Robert Bork (Jochanaan) und – mit herrlich obertonreichem Mozart-Tenor – Julien Behr (Narraboth). Großer Beifall am Ende und die Einsicht: Für die großen Skandale taugt die Bühne heute nicht mehr.

Termine: 13./16./19./22. März (Straßburg); 31. März, 2. April (Mulhouse).
http://www.operanationaldurhin.eu

Autor: Alexander Dick