Stadttheater

Jenny Beyers Stück "Glas" feiert in Freiburg Premiere

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Do, 17. November 2016 um 00:00 Uhr

Theater

Der Titel von Jenny Beyers jüngstem Stück "Glas" benennt die Wand zwischen Künstlern und Zuschauern und macht sie zugleich transparent. Heute ist Premiere im Freiburger Theater.

Vermutlich hätte sich die 16-jährige Jenny Beyer sehr über die heutige Jenny Beyer gewundert. Themen wie Partizipation und Nähe zum Publikum waren ganz sicher nicht ihre gewesen. Damals stand für die 1981 geborene Hamburgerin fest, dass sie Ballerina wird. Der Druck in der Ausbildung sei groß gewesen, erinnert sie sich. Heute prägen familiäre Strukturen ihre Arbeit. Vor zweieinhalb Monaten ist sie Mutter geworden und steht deshalb nicht selbst auf der Bühne. Ihr Vater Horst Petersen, der unter seinem Künstlernamen Jetztmann die Musik für ihre neue Produktion schrieb, hat sie nach Freiburg begleitet, ihr Freund tritt manchmal in ihren Stücken als Gitarrist auf. Und die Tänzer Chris Leuenberger, Matthew Rogers und Nina Wollny kennt sie seit langem.

Der Mut zum Experiment

Jenny Beyer besuchte die renommierte Schule des Hamburger Balletts und visierte eine Karriere an der Staatsoper an. Doch da war eben die Sache mit dem Spitzentanz. Beyers Füße rebellierten. Anstatt aufzugeben, ging sie an die Rotterdamse Dansacademie. Das Studium, das sie dort absolvierte, war auch auf hohem technischem Niveau, aber lockerer und freier. Und es gab dort Körper, die in ihrer Verschiedenheit nicht den Normen des klassischen Balletts entsprachen. "Tanz kann ganz, ganz viel sein. Ich entdeckte, was ich mit meinem Körper machen kann", sagt Jenny Beyer.

Zum Choreografieren kam die blonde Hamburgerin erst am Ende der Ausbildung. Sie entwickelte für Chris Leuenberger, der auch in ihrer aktuellen Produktion "Glas" im Kleinen Haus des Theaters Freiburg zu sehen sein wird, ein Solo. Deutlicher könnte der Unterschied kaum sein: männlich, ohne klassische Ausbildung, anfangs eher ein Performer als ein Tänzer. Ausgehend vom größten Gegensatz zu ihrem eigenen Körper hat sie sich mit dem klassischen Ballett versöhnt. Dass Jenny Beyer an einer Trilogie über das Verhältnis zum Publikum arbeitet, hat einerseits pragmatische Gründe. Sie hatte sich für die dreijährige Konzeptionsförderung der Stadt Hamburg mit diesem Projekt beworben und sie bekommen. Jenny Beyer ist sozusagen ein Hamburg-Import der Spartenleiterin Anne Kersting, der die Choreografin und Tänzerin bereits in der Hansestadt aufgefallen war. Bekanntlich ist das Budget der dritten Sparte nicht eben groß und Jenny Beyer wiederum eröffnet diese Koproduktion mit dem Theater Freiburg die Möglichkeit, ihre Stücke in einer zweiten Stadt zu zeigen.

Die Auseinandersetzung mit dem Publikum, der Titel ihres jüngsten Stückes "Glas" benennt die Wand zwischen Künstlern und Zuschauern und macht sie zugleich transparent, ist ihr andererseits eine wirkliche Herzensangelegenheit. Sie praktiziert sie auf und jenseits der Bühne. Jede Öffnung, sagt sie, jeder Dialog, sei im Grunde politisch. Natürlich kennt Beyer die Berührungsängste gegenüber zeitgenössischem Tanz, kurzerhand hat sie die Vermittlung zum Teil ihrer künstlerischen Arbeit erklärt. "Es war mir ein Bedürfnis in Dialog zu treten. Ich habe mich gefragt, für wen mache ich das, wie viel kommt davon an", sagt Beyer. Sie lud ihr potenzielles Publikum zu Proben ein und hatte kaum mehr als ihre gewinnende Offenheit und ihr Selbstbewusstsein zu bieten, dass das, was sie macht relevant ist.

Beyer ist eine Choreografin, die Mut zum Experiment hat. Der Anfang einer Produktion sei ein "weißes Blatt". Mehr als eine grobe Dramaturgie gebe es nicht, wenn die Arbeit mit den Tänzern beginne. Manchmal, wie bei ihrer Choreografie "All" projiziert sie Fotos als Ausgangsmaterial für Improvisationen auf die Wände, um die Welt ins Studio zu holen. Während der Proben filmt sie ausgiebig und editiert ihr Material wie eine Cutterin. Um es dann auf der Bühne wieder zu lebendigen Bewegungsabläufen in Echtzeit zusammenzusetzen.

Premiere von "Glas": Freiburg, Kleines Haus, Donnerstag, 17. November, 20 Uhr. Weitere Aufführung: 18. November.