Theater

Jules Massenets "Werther" an der Elsässischen Rheinoper

Alexander Dick

Von Alexander Dick

So, 11. Februar 2018 um 20:10 Uhr

Theater

Tatjana Gürbaca inszeniert in Straßburg das lyrische Drama "Werther" – eine Produktion von und mit starken Frauen.

Interpreten von Jules Massenets berühmtem lyrischen Drama sind sich einig: Eigentlich müsste es "Charlotte" heißen und nicht "Werther". Zu intensiv, zu mitfühlend haben der Komponist und seine Librettisten den Fokus aus Goethes Briefroman auf das – ja – Subjekt der Begierde des jungen Werther gelegt. Angesichts der Straßburger Premiere würden sich auch noch ein paar andere starke Frauen empfehlen: Tatjana, Ariane und Anaïk.

Tatjana muss an dieser Stelle nur gestreift werden, leider. Vor knapp einem Jahr hatte die Inszenierung Tatjana Gürbacas an der Zürcher Oper Premiere; sie hat in der Neuauflage an der Elsässischen Rheinoper nichts von ihrer Kraft, von ihrer Traumspielhaftigkeit verloren. In Klaus Grünbergs klaustrophobischer Schrankwandlandschaft nimmt das Spiel um die unterdrückte Leidenschaft Charlottes zu Werther fesselnd-zwanghafte Züge an. Und selbst wenn sich am Ende die Luken in der Schrankwand öffnen wie auf einem Schiff, und der vermeintliche Schneefall dahinter sich als Trip ins Kosmische entpuppt, selbst dann driftet diese nuancenreiche, subtile Inszenierung nicht in den Kitsch ab: Das stumme alte, rührig umschlungene Paar auf der Bühne scheint den Schmerz zu relativieren. So wie Massenets Musik in ihrer introvertierten Traurigkeit.

In zarter Empfindsamkeit

Ariane Matiakh am Pult des intensiv agierenden Orchestre symphonique de Mulhouse trifft ihren Nerv von Anfang an, wenn sie Massenets Klangschichtungen offeriert: nicht analytisch sezierend, sondern in zarter Empfindsamkeit. Bis hin zu den Ausbrüchen Werthers und schließlich auch Charlottes gelingt der Dirigentin, die unter anderem bei Leopold Hager und Seiji Ozawa studiert hat, eine reife, schlüssige Interpretation dieser eindringlich lyrischen Musik. Matiakhs deutliche, mitunter ausladende Gestik zeugt von kapellmeisterlicher Übersicht und schadet dem fließenden Duktus der Musik nicht: Sie lässt es zu, dass dieser Massenet emotional angreift…

Zumal angesichts einer Vokalbesetzung, die dem Drame lyrique alle Ehre macht. Anaïk Morel ist eine großartige Charlotte: von samtenem, fein nasalem Timbre getragen haucht sie dieser Figur Vielschichtigkeit und Lebendigkeit ein. Dass sie auch die intensiven emotionalen Ausbrüche ohne die Flucht ins Vibrato meistert, dass sie ihre Emanzipation von der braven Tochter zur selbstbestimmenden Frau in einem vokalen Prozess widerspiegelt, macht ihre Interpretation umso kostbarer.

Solide besetzte Partien

Régis Mengus singt den Albert mit sehr akkuratem, schlackenlosen Bariton; makellos ist Jennifer Courciers unbeschwerte, glockenreine Sophie, solide besetzt sind auch die übrigen Partien. Wenn es mit dem Titel der Oper bei dieser Produktion letztlich doch seine korrekte Bewandtnis hat, dann, weil mit Massimo Giordano ein ganz hinreißender Werther agiert. Der 46-jährige Italiener zeigt im französischen Tenorfach eine hinreißende Reife; die helle Italianita seiner Stimme steht dem nicht im Wege, im Gegenteil: Sein Mezza voce, sein Übergang vom Brust- ins Kopfregister, ist getragen von überragender technischer Meisterschaft; souverän sind seine Phrasenabschlüsse im berühmten "Pourquoi me réveiller". Ein Grund mehr, diese delikate Produktion nicht zu verpassen.

Weitere Aufführungen: 13., 15., 17.2. (Straßburg); 2., 4.3. (Mulhouse).
http://www.operanationaldurhin.eu