Neurotiker unter Druck

Julia Richter

Von Julia Richter

So, 14. Januar 2018

Theater

Der Sonntag Das Lehrerzimmer Vorstadttheater Basel zeigt die Schattenseiten der Pädagogik.

Wer sich dazu entscheidet, Lehrer zu werden, entscheidet sich für eine Risikoberufsgruppe. Denn erwiesenermaßen leiden Lehrer häufiger unter psychischen Erkrankungen als andere Berufstätige. Im Stück "Das Lehrerzimmer – eine Passion", das gegenwärtig im Vorstadttheater Basel zu sehen ist, wird die Begründung für dieses Phänomen geliefert. Denn die Inszenierung suggeriert, dass der Lehrerberuf kaum mehr ist als eine Tortur.

Die unter der Regie von Matthias Grupp entstandene Hausproduktion gibt dem Publikum Einblick in den strapaziösen Alltag eines Lehrerkollegiums, das aus sieben drollig-tragischen Individuen besteht. Die collageartig zusammengesetzten Mini-Geschichten, die mit vielen Slapstickelementen angereichert sind und den Schauspielerinnen und Schauspielern eine hohe Agilität abverlangen, basieren auf Recherchen in Konferenz- und Lehrerzimmern, persönlichen Erfahrungen und Gesprächen mit Lehrern.

Die Inszenierung macht deutlich: Lehrer von heute sind keine von allen Seiten akzeptierten, unanfechtbaren Autoritäten, die Kraft ihres Wissens und ihrer Position respektiert werden. Vielmehr werden sie mit vielschichtigen Erwartungen konfrontiert. Da sind die unziemlich fluchenden Schüler, die einen möglichst unterhaltsamen Unterricht wollen, oder die Vorgesetzten, die auf das Einhalten von Formalitäten pochen. Und da sind die Eltern, die von den Lehrern Empathie und Dauerverfügbarkeit fordern und hören möchten, dass ihre Kinder hochbegabt sind – gibt es schlechte Noten, so ist das nicht die Schuld der Schüler, sondern der Lehrer.

Lieber Holz als Menschen

Die Figuren in "Das Lehrerzimmer – eine Passion" sind bis ins Groteske überzeichnet und bewegen sich zwischen liebenswürdiger Komik und Nervigkeit. Da ist die Biologielehrerin, die mit ausgestopften Tieren hantiert, wenig Freude an ihrem Beruf hat und sich darüber beklagt, den desinteressierten Schülern mit ihren "blutleeren Augen" etwas beibringen zu müssen. Da ist der Werklehrer, dem ein Stück Holz eigentlich mehr liegt als Menschen. Oder die Hippie-Deutschlehrerin, die mit großen Augen und noch größerer Begeisterung die Gedichte ihrer Schülerinnen und Schüler rezitiert und die eigentlich keine Noten vergeben möchte, weil sie in allen Schützlingen ein poetisches Potenzial erkennt.

Alle Figuren haben mit spezifischen Problemen zu kämpfen, die vor allem deutlich machen, dass es überall menschelt, auch im Lehrerzimmer. Dazu kommt der externe Druck knapper Ressourcen, anspruchsvoller Bildungsbeauftragter und gnadenloser Schulrankings. So wandeln sich berufliche Strapazen schnell zum Privatproblem und ein sich anbahnendes romantisches Liebes- wird zu einem knallharten Konkurrenzverhältnis.

Das Bühnenbild überzeugt

Die kleinen Geschichten von Ehekrisen, Konkurrenz und Überforderung sind im Vorstadttheater Basel mit einem Bühnenbild inszeniert, das durch Raffinesse überzeugt. Die als hinteres Bühnenelement aufgestellten Holzschließfächer erstaunen durch ihre Multifunktionalität und sind mal Rückzugsort, Konferenztisch oder Raucherzimmer. Doch viel Kulisse benötigen die Darstellenden ohnehin nicht, da sie die Neurosen ihrer Figuren mit einer Körperlichkeit zum Ausdruck bringen, die zur Illustration kaum äußerer Hilfsmittel bedarf.

"Das Lehrerzimmer – eine Passion" gibt dem Publikum einen unterhaltsamen Einblick in die bisweilen absurde Welt des Lehrerdaseins. Auch wenn die überzeichneten Figuren zeitweise anstrengend sind und ihre Probleme repetitiv wirken, lohnt sich ein Besuch im Haus an der St.-Alban-Vorstadt. Denn die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lehrerberufs ist ein Thema, das jede und jeden betrifft.
Das Lehrerzimmer – Eine Passion Vorstadttheater Basel, St-Alban-Vorstadt 12, zahlreiche Termine bis 28. April. Informationen und Tickets: unter http://www.vorstadttheaterbasel.ch