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03. November 2016

Theater

Philipp Löhles "Feuerschlange" in 15 Szenen am Stuttgarter Schauspiel

Holzgewehr gegen Heckler & Koch: Philipp Löhles "Feuerschlange" in 15 Szenen am Stuttgarter Schauspiel.

  1. Kinder, die Krieg spielen müssen: Szene aus „Feuerschlange“ Foto: dpa

Die Bühne sieht aus wie die Spielzeugkammer eines Montessori-Kindergartens, und was darauf gespielt wird, sieht auch wie pädagogisch wertvolles Kindertheater aus: Zwischen Kameras, Mikrofonen und Scheinwerfern aus Holz rennen, zappeln und fallen vierzehn Kinder. Sie spielen Waffenhandel, Krieg und Heldentod, piff, paff, du bist tot, und singen im Chor "Juchhe, juchhe, wir helfen der Armee". Das ist politisch und moralisch korrekt und für die Kinder ein Spaß, aber nicht unbedingt das, was man sich von einem zeitgenössischen Theaterstück über den deutschen Rüstungsexport erwartet.

Rimini Protokoll inszenierte 2013 in "Situation Rooms" mit Waffenfabrikanten und Händlern des Todes, Soldaten, Notärzten und Flüchtlingen einen multimedialen Parcours rund um das Thema, der die Zuschauer fast überforderte. Die 15 Szenen zum selben Thema, die Philipp Löhle in seinem Auftragsstück für das Stuttgarter Theater versammelt, unterfordern das Publikum eher. Neben der halbdokumentarisch inszenierten Realität von Rimini Protokoll sieht diese "Feuerschlange" wie eine Sendung mit der Maus zum Rüstungskontrollgesetz aus. Dabei liegt die Oberndorfer Waffenschmiede Heckler & Koch quasi nebenan.

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Beliebig und nicht allzu tiefschürfend

Löhle, einer der meistgespielten und pfiffigsten deutschen Dramatiker, wollte in seinem neuen Stück "Geschichten hinter den Bildern" erzählen, ohne gleich ins Moralisieren zu geraten, aber das geht in Stuttgart ziemlich daneben. Löhles Szenenreigen springt einigermaßen beliebig und nicht allzu tiefschürfend hin und her zwischen Doku- und Spielszenen, altväterlichen Kaiser-Wilhelm- und Philip-Marlowe-Parodien, indianischer Mythologie und Schwaben-Kabarett. Regisseur Dominic Friedel gibt dem Stück den Rest, indem er es als verkrampft albernes Kasperletheater inszeniert. So muss Susanne Schiefer, eine der fünf erwachsenen Akteure, den Text des deutschen Rüstungskontrollgesetzes in seiner ganzen bürokratischen Schönheit und Unverständlichkeit rezitieren, inklusive aller Klauseln zur "Endverbleibserklärung". Berit Jentzsch tanzt Krieg, Flucht und Asylsuche und schleudert bei ihren gutgemeinten Pantomimen den toten Flüchtlingsjungen aus den Nachrichten bedenklich im Kreis herum.

Der fragwürdige, wenn nicht illegale Waffendeal, den die mexikanische Polizei und Heckler & Koch mit diskreter Hilfe der Bundesregierung einfädelten, war schon öfters Gegenstand journalistischer Recherchen und Fernsehdokumentation, ja sogar eines ARD-Spielfilms ("Meister des Todes"). In Stuttgart wird die Story jetzt noch einmal umständlich als skandalöser Kuhhandel zwischen "Lecker und Loch" und Sombrero-Trägern aus dem "Land der Schnurrbärte" nacherzählt. Horst Kotterba, an sich kein schlechter Comedian, übernimmt alle Rollen im Schrift- und Wortwechsel zwischen Auswärtigem Amt, Verteidigungs- und Wirtschaftsministerium, und das macht die Sache ebenso langatmig wie unlustig. Die Idee, Kinder auf die Bühne zu bringen, stammt vom Regisseur und ist vielleicht nicht einmal ganz verkehrt. Zehnjährige in kurzen Hosen und Matrosenkostümen, die mit Holzgewehren Krieg spielen und unschuldig Sachen sagen, die ihrem Alter, Bildungs- und Reflexionshorizont eklatant widersprechen, sorgen für Brüche und Irritationen auf der Bühne; vor allem wenn sie dann noch wie bei Volker Lösch Diskursmaterial im Chor skandieren.

Die Ringparabel von den drei Müttern, die ihre Söhne an den Krieg verlieren, wäre der pure Kitsch, würde sie von Erwachsenen gespielt: Ein Sohn geht zur Bundeswehr, der andere zum IS nach Syrien, der dritte – ausgerechnet Rashid, das adoptierte Flüchtlingskind – bleibt zu Hause, arbeitet schwäbisch fleißig bei Lecker und Loch und überlebt als einziger. Aber weil die besorgten Mütter Kinder sind, die nur so tun als ob und ihr Entsetzen ständig grotesk überdehnen, bekommt ihre Geschichte einen anderen Dreh. In der besten Szene des Abends treten die Kinder vollends aus ihren Rollen als Herzerwärmer, Mahner und Warner heraus und wenden sich direkt ans Publikum. Ja, die Schauergeschichten von Kinderarbeit in Indien, Kindersoldaten und toten Flüchtlingskindern am Strand finden alle Leute schrecklich gut. "Aber Kinder, die auf eine Bühne gestellt werden, wo man ihnen zuguckt, wie sie Dinge tun, die sie nicht verstehen: Das ist nicht böse. Das ist gut, hä? Das ist süß."

Mehr von diesem Sarkasmus hätte dem Abend gutgetan. Aber Friedel nimmt Löhles Szenenreigen die Spitze und so diese "Feuerschlange" (ein alter Name für Xuihcoatl, die gefährlichste Waffe des Azteken-Gottes Huitzilopochtli) nach hinten los: Statt Theater für Erwachsene gibt es zwei Stunden betreute Bespaßung mit süßen Kindern und klobigem Holzspielzeug.

Weitere Termine: 13., 28. November, 28. Dezember. Karten: Tel. 0711/202090.

Autor: Martin Halter