Regieren kommt von Gier

Martin Halter

Von Martin Halter

Di, 17. April 2018

Theater

In Jan Bosses Zürcher Inszenierung von Shakespeares "Maß für Maß" kommt die tragische Seite der Komödie zu kurz.

Das Herzogtum Wien ist schrecklich verlottert und verludert. Von außen betrachtet sieht die Bühne aus wie das kompakte Halbrund des Globe-Theaters, von innen und oben wie ein vertikales Labyrinth, erbaut aus Spiegelwänden, Glitzervorhängen, Stahlgerüsten und Lichtpfeilen. Die Puffmutter, Madame Overdone, Zuhälter Pompey und der vorlaute Schwätzer Lucio verschlingen ihre Körper zu orgiastischen Verknotungen, Henker Elbow reibt sich die Hände und wickelt seine Opfer in Plastikfolie ein. Kein Wunder, dass Herzog Vincentio ratlos und amtsmüde ist.

"Regieren, wie soll das gehen?", fragt er sich gleich zu Beginn. Vierzehn Jahre, länger als Angela Merkel, herrscht er schon über Narren und Idioten, zu lax und liberal, wie viele argwöhnen: höchste Zeit für einen Wechsel. Vincentio, bei Hans Kremer ein freundlicher älterer Herr mit kindischer Freude an Verkleidungen, Intrigen und Menschenversuchen, bestellt Angelo zum Nachfolger und emigriert in die erste Reihe. Mal schauen, was die neue Regierung auf der Pfanne hat. Daniel Sträßers Angelo sieht aus wie ein leicht gestörter Engel oder ein jüngerer Bruder Donald Trumps, wenn er an seiner blonden Perücke zupft, aber er ist ein harter Hund. Der Puritaner lässt die Bordelle schließen und verbietet alles, was Männern Spaß macht. Richter Gnadenlos verurteilt Claudio zum Tode, nur weil der verliebte Jüngling seiner Verlobten zu früh zu nahe kam.

Dabei ist Angelo auch nur ein Mann: Für eine Liebesnacht mit der schönen Isabella würde er ihren Bruder Claudio begnadigen. Lena Schwarz spielt die keusche Novizin nicht als Bittstellerin oder gar Opfer, sondern als noch in ihren Demutsposen selbstbewusste Frau. Wenn Angelo höhnt "Wer wird dir glauben? Meine Lüge wird deine Wahrheit übertreffen", droht sie: "Ich mach dich fertig!". Isabella weist das unmoralische Angebot empört zurück, aber ihr strahlend weißes Nonnenhabit ist so aufreizend unschuldig wie das Hochzeitskleid einer göttlichen Braut. Auch in der Klosterfrau lodert Feuer, auch in ihren kühlen Argumenten rumort heimliche Leidenschaft. Aber sie kennt auch ihre Rechte und weiß, wie man sich die Weinsteins und Angelos dieser Welt vom Leib hält.

Der Herzog, der weiter die Strippen zieht, schiebt dem lüsternen Angelo im Dunkel der Nacht statt der Novizin die verstoßene Geliebte unter. So wird der Wüstling nach seinem eigenen Gesetz bestraft: Maß für Maß, "ein Angelo für einen Claudio". Bei Shakespeare endet das Stück mit einer Dreifach-Hochzeit, in Zürich setzt der Herzog den Henker als Nachfolger ein. Klaus Brömmelmeier zweifelt zuerst, den Hermelinmantel ausfüllen zu können, aber "ein Mann wächst mit seinen Aufgaben", ein tölpelhafter Henker muss kein schlechter Fürst sein.

In Regierung steckt Gier, sinniert der Herzog in Jens Roselts moderner Übersetzung einmal. Shakespeares Problemstück von 1604 ist eine durchaus aktuelle Parabel über sexuelle Ausbeutung und Politik, Macht und Moral, und entsprechend oft wird es heute als deftige Satire interpretiert. Mal ist der Herzog der weise Gottvater, der alles zum Bestmöglichen wendet, mal ein sadistischer, sexistischer Tyrann, der Menschen wie Laborratten behandelt. In Thomas Ostermeiers Salzburger Inszenierung 2011 hingen Schweinehälften vom Kronleuchter, als der Saubermann Angelo die Bühne mit dem Kärcher reinigte. In Stuttgart war der Herzog zuletzt ein 68er-Softie, in Dresden ein Pegida-Rädelsführer, in Hannover wurden alle Rollen von Frauen besetzt.

In Zürich tragen die Männer Röcke über den Hosen und machen vor allem Späßchen. Das dämpft nicht ihre böse Lust, bedeckt aber ihren menschlichen Makel. Jan Bosse hat in Zürich schon einige präzise Regiearbeiten über puritanische Heuchelei und bürgerliche Doppelmoral abgeliefert, etwa einen turbulenten "Zerbrochnen Krug" mit Edgar Selge als nacktem Dorfrichter und zuletzt Arthur Millers "Hexenjagd". "Maß für Maß" passt ganz gut in diese Reihe, aber die tragische Seite der Komödie kommt doch ein wenig zu kurz. Man hört einige traurige Purcell-Lieder, Fremdtexte von Stefan Zweig bis Machiavelli und Goebbels, aber leider auch ein bisschen viel übermütigen Nonsense à la "Alle lieben Obstsalat" und Kalauer mit Sau und Sauna. Der Kerkermeister drechselt ständig drollige Versprecher, der Zuhälter (hinreißend schurkisch: Milian Zerzawy) führt mit heiserer Stimme das große Wort, Lucio lässt sich das freie Wort nicht mal vom Herzog verbieten. Das ist im Einzelnen sehr hübsch gemacht, aber über all dem entspannten Gekasper geht der Konflikt zwischen Isabellas weiblicher Ehre und Angelos machtgeschützter Geilheit fast unter. Auf die Frage, wie man eine närrische Welt gut regiert, haben weder der Herzog noch der Regisseur eine Antwort gefunden.

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