Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. April 2017

Schmerz und Schönheit

"The Blob", die neue Choreographie der Company Dagada, hatte im Freiburger E-Werk Premiere.

  1. - Foto: Jacopo Jenna

Was da von der Bühnendecke herunterhängt, dramatisch angeleuchtet, könnte eine Fahne sein. Mit viel Weiß und wenig Rot. Auf den zweiten Blick entwickelt die vermeintliche Fahne ein gewisses Volumen und verwandelt sich in eine Art durchscheinendes Kissen aus Plastik. Man hat im großen Saal des Freiburger E-Werks einige Minuten Zeit, den Gegenstand genauer zu inspizieren. Die Bühne, an deren Seiten im Halbrund Zuschauertribünen errichtet sind, bleibt erst mal leer. Gefüllt wird nur der akustische Raum – mit einem leisen Chor weiblicher Stimmen, die melodisch aufeinander abgestimmte Tonfolgen intonieren. Die Sängerinnen bleiben während der Performance von Karolin Stächele, Marta Cappaccioli und Yannis Karalis unsichtbar hinter einem Vorhang verborgen. Der Live-Gesang löst sich vom Körper, schwebt wundersam in der Luft: ein reizvoller, ungewöhnlicher Effekt.

Während die Musik der Gruppe Assemblage per moment wie auf Engelsflügeln daherkommt, scheinen die Körper der Tänzer direkt aus der Hölle zu stammen. Lemurenhaft winden sie sich aus den Tiefen der Unterbühne ans Licht, das man nicht wirklich als ein solches bezeichnen kann: Lang bleibt die Bühne im Dämmer – und auch die drei Gestalten scheinen jede Helligkeit geschluckt zu haben. Ihre Gesichter, das Tor zur Seele, sind unter Kapuzenpullis fast verschwunden – und dort, wo sich Augen, Nase, Mund wenigstens andeuten könnten, gähnt die pure Schwärze: Strumpfmasken verhindern jeden Kontakt zum Publikum.

Werbung


Das ist recht unheimlich – und womöglich spielt der Titel der neuen Choreografie der Dance Company Dagada auf den Horrorfilm "The Blob" an, der in den USA zuerst 1958 – auch als Propaganda gegen den Kommunismus – und zum zweiten Mal in einem Remake 1988 in die Kinos kam. Eine undefinierbare gallertartige Substanz infiltriert darin den Körper und frisst ihn auf. Vielleicht aber auch nicht. "Blob" heißt übersetzt nichts anderes als Klecks, Flecken, Spritzer. Und es strömt irgendwann ja rot gefärbtes Wasser aus dem aufgeschlitzten Plastikkissen in eine Zinkbadewanne – das einzige Requisit –, die aber auch ein Sarg sein könnte. Blut? Oder Wasser, in dem man sich und seine Kleidung reinigen kann?

So geht es mit "The Blob": Wer nach schlüssiger Interpretation sucht, ist schon verloren. Angenehm sind die Stimmungswerte allerdings nicht, die das Trio in seiner Düsternis verkörpert. Von einer Schule der Schmerzen ist die Rede in einem langen Monolog, den die Tänzerin Marta Cappacioli in rasender Geschwindigkeit herunterrattert. Plötzlich schreit sie "Kyrie eleison!" Aber das klingt nicht so, als ob sie sich von irgendjemandem Erbarmen erhoffte.

Die Zinkbadewanne bleibt das Zentrum der Performance. In ihr liegt Yannis Karalis unbewegt minutenlang, als ob er tot wäre. Aus ihr springen die drei Performer in wilder Wut heraus und füllen den Raum mit aggressiver Energie. Dann wieder verknoten sie sich, als ob sie ein einziger Leib werden wollten. Immer tupfen die Sängerinnen dazu ihre leichten, fast beschwingten Scattöne in die Luft. Und dann wird plötzlich die überirdisch schöne Arie "Lascia ch’io pianga" ("Lass mich mit Tränen mein Los beklagen") aus Händels Oper "Rinaldo" erkennbar: ein Moment des Trostes in der orientierungslosen Finsternis, vielleicht.

Man kann sich umstandslos schlicht erfreuen am ungewöhnliches Bewegungsvokabular der Tänzer, die zuletzt in der Schulterbrücke verharren, ihre Bauchmuskulatur in Bewegung bringen und ihre nackten Hinterteile wie lebende Plastiken präsentieren. Kurz ließ das an den Choreografen Xavier Le Roy denken. Schmerz, Angst, Gewalt und Schönheit: Daraus wohl ist unser Leben gestrickt. Nur die Liebe fehlt. Oder?

Weitere Aufführungen: 29. April, 18 Uhr, 30. April, 20 Uhr.

Autor: Bettina Schulte