Freiburg Festival

Drei Choreographinnen arbeiten am "Tanzwerk 18"

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Do, 14. Juni 2018 um 21:30 Uhr

Theater

Der Tanzpakt, eine Initiative von Bund, Länder und Kommunen, bringt Freiburg viel Geld. Das E-Werk konnte einen Auftrag an drei Choreographinnen vergeben. Premiere war beim Freiburg-Festival.

Der Saal ist ausverkauft, das Interesse groß am Performance-Abend, der unter dem Titel "Tanzwerk 18" nicht nur der Beitrag des E-Werks als Veranstalter beim Freiburg Festival ist, sondern die erste hauseigene Produktion überhaupt. Möglich gemacht wurde sie durch die Tanzpakt-Förderung von Bund, Land und Stadt, mit dem Ziel der regionalen, freien Szene Entwicklungsmöglichkeiten und neue Plattformen zu bieten. Ihre Akteure sind bekannt, umso spannender, was sie bei gemeinsamen Bühnenprozessen im Proberaum des Südufers erarbeitet haben und nun vor internationalem Festivalpublikum präsentieren.

Sehr dunkel ist es auf der Bühne zu Beginn von Dagny Borsdorfs Kurzstück "Kin". Zu starkem Trommeltakt schälen sich Gestalten in zartbeigen Kostümen aus dem Sepia-Licht. Mit Körpern und Armen pumpen sie den Rhythmus mit, immer schneller, bis alles zuckt und wackelt. Ihre ganz unterschiedlichen Bewegungssprachen zeigen drei Typen: Zack Bernstein gibt den ungelenken und bedürftigen Mann, Katarzyna Brzezinska eine kraftvolle, selbstbewusste Frau, Rebecca Narum mit langen blonden Zöpfen das verspielt-sehnsüchtige Mädchen. Das im Ankündigungstext beschriebene Beziehungsgeflecht der drei lässt sich bei ihrem mal dynamischen, mal zarten und immer wieder abrupt unterbrochenen Tanz um Nähe und Distanz in Ansätzen erkennen.

Wirklich spannend aber ist das Zusammenspiel mit dem live an fünf Klangstationen (Objektbau: Jens Burde, Christian Mielert) produzierten Soundteppich: Gewaltig, wie Konrad Wiemann Cajon-Trommelbox, Donnerblech oder mit Saiten bespanntes Röhrenkreuz zum Schwirren, Pulsieren und Tosen bringt. Die Tänzer klappern mit Fingerhüten ihren eigenen Takt dazu, verflechten die Arme, stampfen mit bloßen Füßen. Ein gelungenes interdisziplinäres Experiment, das allerdings in puncto Inhalt und choreografischer Umsetzung stellenweise zu beliebig bleibt und nur schwache Impulse für Reibungen setzt.

Drei Sets, zwei Umbaupausen, in denen das Publikum den Saal verlässt – das gibt Luft im Kopf und Möglichkeit zum Austausch. Umso beeindruckender, wie Jürgen Oschwalds Installation dann die Bühne verwandelt: Ein leuchtendes Gespinst aus weißen Bändern zieht sich kreuz und quer fast bis zur Decke durch die Dunkelheit, Stéphane Pigneul produziert dazu sphärischen Synthesizer-Sound. "T" wie Transformation, so der Titel des Stücks von Marta Capaccioli, Karolin Stächele und Ioannis Karalis. Alle drei sieht man nackt in der Bühnentiefe auf weißen Schaumstoffbergen liegen. Ein Lichtblitz samt Signalton: Und sie erwachen zum Leben, treten ins Bänder-Labyrinth und zu beginnen zu kreiseln, schwingen und hüpfen. Die Bänder führen sie, begrenzen und halten, reagieren wie ein Spinnennetz auf jede ihrer Bewegungen. Das ist magisch schön und von meditativer Konzentration, wirkt ebenso archaisch wie futuristisch. Rhythmus und Puls sind die Themen auch hier. Warum die Tänzer aber immer wieder nach hinten gehen, sich an- und ausziehen, auf ein Gebilde einprügeln oder Ioannis Karalis singt – das bleibt doch sehr verrätselt und wirkt schlicht überladen. Das fantastische Bühnenbild hätte jedenfalls noch viel mehr Möglichkeiten für Transformationen geboten.

Dass Reduktion hingegen große Wirkung entfalten kann, beweist die Performance "Knock-out" von Julie Jaffrennou, die im Frauenkollektiv mit Tjadke Biallo- wons, Alice Gartenschläger und Olivia Maridjan-Koop wie eine Furie mit derbem Schuhwerk über die lehmverschmierte Bühne stapft: alle vier mit wutverzerrten Gesichtern, die Fäuste geballt, die fleischfarbenen Oberteile mit grotesken Muskelbergen prall gestopft. Immer wieder stürmen die Tänzerinnen So synchron zur Bühnenkante, werfen sich mit wilden Grimassen in Kämpferposen, klatschen mit lautem Knall immer neue Tonklumpen auf den Boden. Soviel Rage hat Wiedererkennungswert – und auch viel Komik.

Bis sie dann alle vier kopfüber und mit rutschenden Gliedmaßen im Ton landen, erschöpft, festgefahren, am Ende. Wie mühsam, sich in dieser Position aus dem Panzer zu schälen, wie zart und weich sind plötzlich Gesten und Gesichter, wie kindlich verheddern sich die Finger im eigenen Mund. Bis sie sich dann nebeneinander in der Hocke, die nackten Rücken dem Publikum zugewandt, ihre eigenen Golems an die Fäuste kneten. Stark! Ein Abend der beweist: Die Szene hat Potential – mit Luft nach oben.

Wiederaufnahme am 26. und 27. Oktober, jeweils um 20 Uhr, E-Werk, Freiburg
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