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03. April 2017

Freiburg

Theaterstück für Gehörlose und Hörende am Stadtheater

"Die Republik der Taschendiebe" – eine leichtfüßige, interaktive Produktion für Gehörlose und Hörende am Theater Freiburg.

  1. Starwars-Kostüme und Gebärdensprache: Szene aus „Die Republik der Taschendiebe“ Foto: Maurice Korbel

"Ich klau von dir und du von mir", mit diesen Worten pflügen die Performerinnen vom Theaterkollektiv Klub Kirschrot durch die etwas ratlos herumstehende Zuschauerschar, fröhlich blinken dazu ihre futuristisch, blendend weißen Kostüme: bei der einen die Halskrause, bei der anderen ein lustig wippendes Fühlerpaar oder zwei riesige Lampen auf dem Bauch (Ausstattung: Sarah Mittenbühler). Noch eindeutiger ist ihr Satz in Gebärdensprache: ein am langen Arm direkt auf das Gegenüber deutender Zeigefinger, der sich zum Diebeshaken krümmt. Gut, dass Taschen und Jacken an der Garderobe abgegeben werden mussten – vielleicht klauen die hier ja wirklich...

"Die Republik der Taschendiebe", so der Titel der rund einstündigen, interaktiven Inszenierung für gehörlose und hörende Menschen ab 10 Jahren, die jetzt im Werkraum des Theater Freiburgs Premiere feierte. Zu verdanken ist dieses Projekt dem erstmals von der Theaterstiftung vergebenen Stipendium, das zukünftig junge Talente fördern möchte, "die dem Kinder- und Jugendtheater in ihrer Arbeit mit neuen Impulsen, Ästhetiken, Formen und Formaten begegnen." 20 Konzeptideen junger Theaterschaffender wurden eingereicht, den Jury-Zuschlag bekam das fünfköpfige Theaterkollektiv, das 2012 von Studierenden der "Kulturwissenschaften und ästhetischer Praxis" in Hildesheim gegründet wurde. Das Ziel ihres Kindertheaters ist ein gleichberechtigtes Theatererlebnis von Hörenden und Nichthörenden als Ort der Begegnung. Im Zentrum – die Partizipation.

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Mit mehreren Dolmetschern und einem Mini-Filmstudio im Gepäck ging Klub Kirschrot sieben Wochen lang mit Kindern des Gehörlosen-Zentrums Stegen und der Freiburger Paula-Fürst-Schule auf Utopien-Suche: Wie wäre das, wenn jeder jedem alles klauen dürfte und persönlicher Besitz nur temporär wäre? Hätten dann alle, was sie brauchen? Oder gäb’s ständig Zoff und welche Regeln könnten das verhindern? Eine spannende Fragestellung zu Zeiten der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich und spannend diskutierter Visionen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen.

Installation im Raumschiff-Flair

In dem zu einer begehbaren Installation im Raumschiff-Flair gestalteten Werkraum wird dazu erst einmal eine multimediale Ausstellung gezeigt: Weltraum-dunkel ist es, überall hängen lange Gazetücher, über die Projektionen flimmern: "Klaust du?" steht da und "Von wem klaut Deutschland?". Dann werden Videos eingespielt, in denen die beteiligten Kinder als Chefdiebe in fantasievollen Starwars-Kostümen selbstbewusst ihre Ideen und Gesetze für die Republik der Diebe präsentieren. Dabei funktionieren Schrift, Laut-und Gebärdensprache hier nicht in Eins-zu-Eins-Übersetzungen, sondern als gleichberechtigte Elemente, die Lücken zum Kombinieren lassen.

In Laut- und Gebärdensprache begleiten die Performerinnen auch ihr Publikum beim Selbstversuch: 64 Papp-Hocker sind im Raum verteilt, wer schnappt sich die meisten? Eine lustige Grabschrunde beginnt, bei der schnell klar wird, dass man sein Diebesgut zwar beschützen kann, dann aber nur auf der Stelle und damit außen vor bleibt, was ziemlich langweilig ist. Wenig später liegen die Zuschauer auf dem Boden, über sie spannt sich ein Sternenhimmel aus Worten wie "Kuscheltier" oder "Playstation", zwischen denen die Zeremonien-Meisterin als Miniprojektion flitzt: Es ist Nationalfeiertag in der Republik der Diebe – Zeit intensiv an all seine Lieblingssachen zu denken. Lustige Mitmach-Angebote kombiniert mit origineller Ideen-Vermittlung, ein exotischer Theaterraum samt starker visueller Reize – ein kluges Konzept, das Klub Kirschrot hier so leichtfüßig in die Form eines Spieleabends als Gedankenexperiment bringt. Am Ende wird viel geklatscht, auch mit wedelnden Händen in Gebärdensprache…

Termine: heute, 3.4., 11 Uhr; 29.4., 18 Uhr; 30.4. und 14.5., 16 Uhr, 15.5., 11 Uhr. Werkraum, Theater Freiburg. Tel. 0761/2012853

Autor: Marion Klötzer