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26. November 2008

Verwandte und Wahlverwandte

GESPRÄCHE IM ORBIT: Regisseur Sebastian Nübling vor der Premiere von "pvc – Mütter. Väter. Kinder" im Theater Freiburg.

Sebastian Nübling rollt das knisternde Papierchen vom Keks vor und zurück. Als setze sich in seinen Fingerspitzen eine Dynamik durch, die er anhalten musste, als er sich am Tisch im Freiburger Theatercafé niederließ, um Fragen zu beantworten. Als widerspreche dieser Unterbruch der eigenen Motorik. Es ist später Samstagnachmittag. Fünf Tage vor der Premiere.

Der Regisseur kommt gerade aus den Proben für "pvc – Mütter.Väter.Kinder", einer Fortschreibung und Erweiterung des Abends "Mutter. (Vater.Kind)" aus der vergangenen Saison. Weder Tanztheater noch Schauspiel, "Familienforschung" heißt es im Programm. Bilder von der Familie als Ort der Unfreiheit und des Zwanges hält das Theater unendlich viele vorrätig. Dem Ensemble ging es darum, diesmal Bilder zu finden und erfinden von der Familie als "flexiblem System", das Spannungen und Konflikte aushält und überdauert, und in dem jeder sagen kann, "es geht". Nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Dennoch ein Versuch über das Gelingen.

Nübling ist in dieser Produktion Regisseur und Darsteller zugleich. Seine Frau Martina, selbst Regisseurin, spielt mit und zwei seiner drei Kinder, dazu die pvc-Tänzerin Alice Gartenschläger mit ihren Eltern, ihrem kleinen Sohn und ihrem Mann, dem pvc-Musiker und Regisseur Tom Schneider. Und Lars Wittershagen, Musiker und Komponist, ist ebenfalls mit seinem Vater dabei. Was entsteht, sagt Nübling, entsteht auf der Bühne als kollektive Arbeit von vier Familien. Eine Produktion von Verwandten und Wahlverwandten.

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Seit zehn Jahren ist das Arbeiten im Kollektiv, wenn auch unter anderen Vorzeichen als jetzt im Familienverbund, für Nübling die Regel. Seine Inszenierungen erwachsen in den meisten Fällen aus einer permanenten engen Kooperation mit Lars Wittershagen und der Bühnenbildnerin Muriel Gerstner, die diesmal ausnahmsweise nicht dabei ist. Ein eingespieltes Trio, in dem jeder seinen Part übernimmt, mit großer Offenheit für die Bilder der Mitspieler und für einen komplett anderen Zugang zum gemeinsamen Werk.

Der längst bundesweit renommierte Regisseur lebt mit seiner Familie in Hausen im Wiesental, wenn er nicht gerade in Hamburg, Hannover, Stuttgart, München oder Basel inszeniert. Die Zeitschrift "Theater heute" hat ihn 2002 zum Nachwuchsregisseur des Jahres gekürt. In diesem Frühjahr war er bereits zum fünften Mal mit einer Regiearbeit zu Gast beim Theatertreffen in Berlin. Dennoch ist er kein Senkrechtstarter.

Geboren 1960, wuchs Nübling in direkter Nachbarschaft seines heutigen Wohnorts, in Schopfheim, auf, wo sein Vater als Tierarzt über Land fuhr. Er selbst wollte Lehrer werden, wie viele in seiner Verwandtschaft, sagt er, Sonderschullehrer möglichst. Weil er keinen Studienplatz bekam, geriet er, dank einer Werbebroschüre, an die damals neu gegründete Hochschule für Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Die Breitbandausbildung kam dem Suchenden gerade recht. Er arbeitete als Schauspieler in einer freien Theatergruppe, als Musiker im A-cappella-Chor, später auch als Dozent. Er lernte seine spätere Frau kennen, und er wurde innerhalb von fünf Jahren gleich dreimal Vater.

Es folgten beruflich jene Jahre, die er "eierig" nennt. Zeitweise ist er arbeitslos, weil es so viele junge Leute mit ähnlicher Qualifikation wie er sie hat, gibt. Dann übernimmt er die Regie für mehrere Schultheater-Produktionen in Basel und weiß plötzlich: "Stopp, ich will inszenieren". Mit dem Engagement beim "Jungen Theater Basel" beginnt seine Stadttheaterkarriere. Beim Schultheater hat er "viel Handwerk" für seine Arbeit gelernt.

Nübling ist nicht Lehrer geworden, aber seine Zielgruppe hat er im Auge behalten. Er macht Theater mit Jugendlichen für Jugendliche, er hat Erfahrung in der Auswahl und Umsetzung von Themen, die Jugendliche interessieren. Vor allem aber macht er, egal für welche Altersgruppe, Theater, das verführt und auf ungewohnte Seiten lockt, das Figuren in alle Richtungen kippen lässt, nicht gleich in Gut und Böse unterteilt. "Selbst wenn das Theater Nüblings nur döst", war in der Zeit zu lesen, "liefert es noch genügend schlechte Träume zur Anregung". Er will keine moralischen Wertungen vorgeben, sondern Recht und Unrecht zur Disposition stellen – auf dass Urteile verhandelt, nicht gefällt werden.

–  pvc – Mütter. Väter. Kinder. Premiere am 27. November, 20 Uhr, Theater Freiburg, Kleines Haus. Tel. 0761-2012853.

Autor: Kathrin Kramer