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02. Februar 2011

Vom Ausländer zum Mitbürger

Die Abschlussdiskussion der Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft in Freiburg.

  1. Fatih Akin gilt als deutscher Regisseur – hier eine Szene aus „Gegen die Wand“ mit Birol Ünel und Sibel Kekilli. Foto: dpa

In Deutschland haben heute im Schnitt 30 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, in den Grundschulen sind es 60 Prozent. Die in Freiburg veranstaltete Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft diskutierte daher unter der Leitfrage "Wer sind Wir?", was das für das Stadttheater als Haus für alle Bürgerinnen und Bürger bedeutet. Auf dem abschließenden Podium ließen die Moderatoren Josef Mackert, Chefdramaturg am Theater Freiburg, und Christian Holtzhauer, neu gewählter Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft, die Perspektive in Richtung "Jenseits von Multi-Kulti und Leitkultur: Auf dem Weg zur interkulturellen Gesellschaft" weiten.

Spätestens seit Deutschland anerkannt hat, ein Einwanderungsland zu sein, herrscht offiziell Konsens, dass man dem demografischen Wandel als Faktum Rechnung tragen muss. Beim wie wird es dann allerdings schwierig. Das spiegelt sich auch in der Verunsicherung bei der Begrifflichkeit. Wie soll man das, was man in einer sich wandelnden Gesellschaft erreichen möchte, eigentlich benennen? Integration? Multi-Kulti? Leitkultur? Interkultur?

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Podiumsgast Klaus Theweleit, Kulturtheoretiker, ist die Begrifflichkeit ziemlich schnuppe. Bei der Benennung gebe es zwar auch eher dumme Worte wie Integration, die irgendetwas homogenes Bestehendes suggerieren, in das man sich hinein integrieren könne. Seiner Meinung nach wichtiger ist aber die Tatsache, dass es überall da, wo Verschiedenes aufeinandertrifft, Mischungen gibt. Immer. So etwas wie Leitkulturen gibt es dabei nicht. Wer sich auf Deutsch-, Türkisch- oder Sonstwie-Sein beruft, macht das in demagogischer, machtlüsterner Absicht. Gesellschaften sind Mischgebilde, denen nur zu sinisteren Zwecken Reinheits-, nationale oder rassische Ideologien zugesetzt werden.

Shermin Langhoff, die als Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg für sich in Anspruch nimmt, "postmigrantisches" Theater zu machen, erinnert daran, dass auch Multikulti schon mal Erfolge aufzuweisen hatte, als Ausländer es bis Ende der 80er Jahre fast zu Mitbürgern gebracht hatten. Doch dann fiel die Mauer, und die "Deutschen" versanken in Selbsterforschung. Die Anführungszeichen verweisen übrigens auf den altmodischen Begriff von migrationsfreiem Deutschtum, das bei genauerem Hinsehen faktisch nicht existiert und allenfalls in der ironischen Rede von sogenannten "Biodeutschen" weiterlebt – und vielleicht noch in der Biodeutschen-Hochburg als die Langhoff mit Augenzwinkern die Stadttheater bezeichnet.

Da fühlt sich Dramaturgenvorsitzender Holtzhauer angesichts der Bemühungen der Theater sich zu öffnen dann doch zu Unrecht angegriffen. Langhoff jedoch kontert eiskalt: "Wenn du Recht hättest, müssten wir hier nicht Wege zur Öffnung des Theaters diskutieren." Das ist auch ein bisschen fies, denn natürlich können Theater die Aufgabe, echte Partizipation für alle herzustellen, allein bewerkstelligen. Wie man das in aller Ruhe einfach macht, erläuterte Kulturkoordinatorin Tina Jerman, die seit Jahren unermüdlich an der kulturellen Öffnung Nordrhein-Westfalens arbeitet. Dem Fazit, das Langhoff mit dem Vergleich zwischen Film und Theater zieht, mag sie trotzdem nicht widersprechen. Danach hat bereits Regisseur Rainer Werner Fassbinder in den 70ern, als er die vermeintlichen Ausländer erstmals als die auftreten ließ, was sie waren, nämlich Mitbürger, den Weg für Fatih Akin bereitet. Der wird heute vom Publikum als deutscher Regisseur wahrgenommen. Einen anderen Weg werden auch die Theater nicht gehen können – dann heißen die Intendanten und Dramaturgen nicht mehr alle Franz, Barbara oder Brigitte – sondern mit gleicher Selbstverständlichkeit Fatima, Mehmet, oder Lorenzo.

Autor: Jürgen Reuß