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17. September 2014

Von Madonna zu Winnetou

BZ-PORTRÄT des Regisseurs Philipp Stölzl, der am Basler Theater "Frankenstein" inszeniert / Premiere am Freitag.

  1. - Foto: Matthias Baus

Philipp Stölzl ist ein vielbeschäftigter Regisseur, ein Multitasker par excellence, aber im Gespräch wirkt er nicht gerade getrieben oder gehetzt. Dabei ist sein Terminkalender randvoll und seine Werkliste eindrucksvoll. Der 47-Jährige hat schon Musikvideos für Popgrößen wie Mick Jagger, Rammstein und Madonna (die Leni-Riefenstahl-Zitate in seinem Rammstein-Clip trugen ihm den Vorwurf einer unguten Nähe zur faschistischen Ästhetik ein, das Madonna-Video die schmeichelhafte Schlagzeile "Madonna wollte nur ihn") und Werbefilme für Weltfirmen wie Sony, Nokia und BMW gedreht. Als ihm die kurze Form nicht mehr genügte, begann Stölzl Filme zu inszenieren, die er ohne falsche Scham "Kommerzkino" und "Kostümschinken" nennt; darunter "Nordwand", eine Hommage an Luis Trenkers Bergfilme, einen verpoppten "Goethe!" und zuletzt den erfolgreichen Monumentalschinken "Der Medicus".

Die Kritiker rümpften oft die Nase, aber dem Publikum gefiel’s. Stölzl trägt es mit Fassung, dass seine "publikumsaffine" Kunst nicht immer gebührend gewürdigt wird. Dass er ein Händchen für Kostüm- und Ausstattungsorgien, große Bilder und Emotionen hat, sprechen ihm selbst seine Verächter nicht ab. Stölzl verschlang schon als Kind Prinz-Eisenherz-Comics und Karl-May-Romane, aber vielleicht ist sein Faible für geschichtliche Stoffe auch ein Erbteil seines Vaters, des Historikers und ehemaligen Berliner Kultursenators Christoph Stölzl.

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Als es ihm auch im Film zu eng wurde, begann Stölzl Opern zu inszenieren: "Große Klopper" in Wien, Stuttgart und Salzburg, Gounods "Faust" (eine Inszenierung, auf die er stolz ist) und Wagners "Fliegenden Holländer" in Basel. Bei der Oper pfuscht ihm kein Produzent und keine Filmförderanstalt ins Handwerk, und von großen Stars wie Placido Domingo oder Anna Netrebko lässt Stölzl sich schon lange nicht mehr einschüchtern.

Begonnen hatte Stölzl freilich als Bühnenbildner an den Münchner Kammerspielen, und ans Theater kehrt er jetzt auch wieder zurück: In Basel bringt er am Freitag in seiner ersten Schauspielinszenierung überhaupt "Frankenstein" auf die Bühne. Man darf damit rechnen, dass der Abend so opulent wie seine Opern und Filme werden wird. Mary Shelleys Vorlage ist für Stölzl ein "wahnsinnig toller Roman": fiebrig wie der "Werther", ein weltumspannender Bildungsroman wie der "Faust" oder Ibsens "Peer Gynt", kafkaesk, romantisch, politisch und nicht zuletzt ein "richtiges Gruselding".

Natürlich muss er zunächst einmal gegen die alten Boris-Karloff-Bilder im Kopf angehen, die er als Kind nachts heimlich im österreichischen Fernsehen sah. Stölzl will die Geschichte aus der Perspektive des Monsters erzählen: In Basel ist das verstoßene, unglückliche Geschöpf, das auf der Suche nach Liebe und Wahrheit zum Ungeheuer wird, eine riesige Puppe, an deren Fäden die Menschen mehr hängen als ziehen.

"Frankenstein" ist für Stölzl "sinnlich, traurig, rätselhaft": Familienroman, Roadmovie, Entwicklungsroman und erst dann eine Parabel auf den Machbarkeitswahn der Wissenschaft oder den Dämon im Schweizer, von dem die Basler Dramaturgen raunen. Doktor Frankenstein ist zwar ein Schweizer aus Genf, aber dass der Abend im Untertitel "Demon of Switzerland" heißt, findet Stölzl eher irreführend. Überhaupt ist er kein Freund großer Worte, sondern eher leise und sympathisch bescheiden.

Opern inszenieren etwa bezeichnet er als tolles "Hobby" und "Sekundärkunst". Im Schauspiel muss er deutlicher Position beziehen, aber verbiegen will er sich auch hier nicht: Radikale, innovative Inszenierungen sind von ihm kaum zu erwarten. Stölzl denkt von Bildern und Tönen her und überlässt sich lieber seiner "naiven", kindlich verspielten Fantasie als sich intellektuell zu "verspulen" und verheben. Sein nächstes Projekt ist nicht zufällig ein Fernsehdreiteiler über Winnetou und Old Shatterhand: Kein Remake der alten Karl-May-Filme, aber auch keine Parodie, sondern die mit viel Herzblut erzählte "Utopie einer Freundschaft".

– Premiere von "Frankenstein", 19. September, 20 Uhr, Theater Basel. Weitere Termine bis 17. Oktober. Karten: Tel. 0041/61/2951133.

Autor: Martin Halter