Wer ist das noch: Ich?

René Zipperlen

Von René Zipperlen

So, 14. Januar 2018

Theater

Der Sonntag Identität im Zerrspiegel: Julia Hölscher inszeniert in Basel Kleists Amphytrion.

Ich ist ein anderer, und das ist erst der Anfang. Julia Hölscher zeigt mit starkem Ensemble eine abgespeckte Fassung von Kleists "Amphytrion", die sie beim Wort nimmt und entzaubert.

Vergesst den Mythos, hier sind alle mit Schmissen gezeichnet, Kriegsheimkehrer wie Götter. Ich ist ein anderer, Identitäten zerbrochen, und selbst für Zeus sind die Aussichten ewig trübe. Dabei ist Kleists Molière-Bearbeitung "Amphytrion" zunächst schlichter Boulevard: Zeus und sein Bote Hermes schleichen sich in Menschengestalt in Theben ein, damit der Göttervater seinen Spaß mit Alkmene haben kann, der sehnsüchtig wartenden Herrscherbraut.

Während Zeus (Urs Peter Halter) die Haare schön hat und sich als mähniger Latin Lover austobt, steht Hermes Schmiere und schleudert angewidert Machtblitze aus der Mülltüte gegen Amphytrions Diener und Boten Sosias, als den er sich selbst ausgibt. Bis dieser winselnd nicht mehr weiß, wer er ist.

Regisseurin Julia Hölscher, seit "Was ihr wollt" und "Zauberflöte" in Basel zur Klassikerspezialistin avanciert, lässt Menschen und Götter gar nicht erst ähnlich aussehen, wie sie überhaupt auf Flitter und Gedöns verzichtet. Nur die schwarzen Hosen sind ihnen deutlich zu lang (Kostüme: Janina Brinkmann). Der Rest spielt in den Köpfen. Und die Menschen sind – durch Traum, Kriegstrauma, Moderne – zunehmend zerrüttet und leiden unter Lähmungserscheinungen.

Der Wahn trifft die Männer, die Frauen sind Opfer der Täuschungen. Allerdings scheinen Alkmene (intensiv, wandelbar und stark: Pia Händler) und Charis manchmal an den falschen Gatten mehr Gefallen zu finden. Anders als die Männer bleiben sie aber durchaus bei Trost. Leonie Merlin Young macht als Dienergemahlin Charis zwischendurch sogar die stärkste Figur.

Kleists Komödie verdichtet die Verwirrungen immer weiter. Mit Sosias’ Frage "Bin ich meiner völlig nicht bewusst?" nimmt sie Freud vorweg – 100 Jahre weiter ist Hölschers Psychologie zwar nicht, doch das spielfreudige Ensemble weidet das Durcheinander mit Intensität aus – Florian von Manteuffel als Amphytrion am Rande des Nervenzusammenbruchs. Das riecht manchmal schon nach Ohnsorg, und Julia Hölscher dünnt Kleists sperrig-soghaften Text ordentlich aus. Weil sie ihn aber beim Wort nimmt und sprachstarke Akteure hat – nur Mario Fuchs ist mitunter etwas fahl –, verkleistern die Schichten nicht und "Amphytrion" ist ernst, witzig und frivol zugleich.

Abgesehen von ein paar überdeutlichen Bebilderungen – wenn Sosias sich im Labyrinth wähnt, findet er aus seinem Umhang nicht heraus –, ist die karge Inszenierung wirkungsvoll. Paul Zollers Bühne kommt völlig ohne Requisiten aus und besteht aus einer einzigen blutroten Wand mit schmaler Spielfläche. Durch einen Durchlass quetschen sich die Akteure, um auf der anderen Seite nur dasselbe zu finden – spiegelverkehrt. Über allem dehnt sich ein riesiger Spiegel, und gespielt wird auch über Bande – nichts ist, was es scheint. Diese Ichs sind wirklich sichtlich gebeutelt.

Nicola Mastroberardino hatte zwischen Alpenrebell und Mephisto mehrfach Gelegenheit, sich in Basel auszuzeichnen – dass er manchmal etwas dick aufspielt, weil er es kann, schadet der Buffo-Rolle des Dieners nicht. Urs Peter Halter ist immer ein Ereignis und braucht nur die Andeutung einer zuckenden Braue, damit sein Zeus reglos foltert und neben Kälte auch liebessüchtigen Narzissmus und Irritation durchscheinen lässt. Denn er hat ein Problem, die Ödnis der Ewigkeit. Darum das irdische Abenteuer, er will um seiner selbst willen geliebt werden. Leichter gesagt als getan, wenn man gar nicht man selbst ist.

Fest gefügte Wahrheiten drehen sich wie die Bühne, deren Wenn-dann-Spiele bald auch den Gott verwirren und fliehen lassen. Nur einmal macht der noch mächtig Wind: Wenn die Kulisse plötzlich nach vorne umfällt und er einen letzten großen Auftritt hat. Doch auch der gelingt ihm nicht, die Menschen sind der Sache müde.

Zeus’ aufgeblähtes Versprechen, Alkmene werde den Helden aller Helden gebären, ist kein mythologischer Tusch mehr, sondern flaue Coda einer Episode, die nur Verlierer und Versehrte hinterlässt. Hölscher verstärkt das durch eine kleine Streichung: Amphytrion bettelt gar nicht um dieses Geschenk, er nimmt es desillusioniert und etwas angewidert hin. So bleibt dem gescheiterten Angeber Zeus nur noch unendliche Langeweile im Olymp mit Hera, "die nie ihn so beglückt". Spießig-trübe Aussichten für so einen lebensmunteren Weltenherrscher.

Am Ende steht Alkmene, eben noch wie Venus in einer Trash-Muschel aus weißer Folie, allein am Spiegel, bis dieser jäh hochfährt. Dann ist alles grau. Ihr berühmtes "Ach" bildet ein tonloses Schlusswort, das offenlässt, wie viel Verzweiflung, wie viel Sehnsucht in ihr steckt.
Amphytrion Theater Basel, Schauspielhaus