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22. November 2016

Wider die Zuschreibungen

Vielfalt als Lebensprinzip – Das Freiburger Theaterkollektiv-Raumzeit spielte "Prinzip Katamaran" im Peterhofkeller.

  1. Nic* Reitzenstein als Gnoi Foto: Sebastian Schulz

Sie nennen es, "das Prinzip Katamaran". Andere würden schlicht "unsere Welt" dazu sagen. Denn es beschreibt das, was wir kennen: Wer nicht Frau ist, ist Mann, wenn es nicht hell ist, ist es dunkel, wenn man nicht in den Himmel kommt, dann in die Hölle. Schade, dass wir nur diese beiden Möglichkeiten denken – wie wäre es mit ein wenig mehr Phantasie? Die hat Jenny Warnecke mit dem Theaterstück "Prinzip Katamaran" bewiesen, das jetzt im Freiburger Peterhofkeller aufgeführt wurde.

Schon der Name ist originell: Man kennt das Boot, das aus zwei Rümpfen besteht, die fest miteinander verbunden sind. Dazwischen ist Luft. Für Warnecke (Text), Nic* Reitzenstein (Schauspiel und Regie) und Burkhard Finckh (Livemusik und Geräusche) ist die Luft spannender als die Rümpfe: In dem einstündigen Monolog einer Figur, die sich den Geschlechterzuschreibungen verweigert, geht es darum, dieses Dazwischen mit Leben zu füllen.

Nic* Reitzenstein (die ebenfalls "keine Lust auf Zuschreibungen" hat und daher das Sternchen an ihren Namen fügt) spielt auf einer lediglich mit ein paar Möbeln bestückten Bühne sehr eindrücklich das Kind, das sich in und mit der Vielfalt der Natur sehr wohl fühlt und nicht versteht, dass die Mutter unbedingt eine Tochter aus ihr machen will: Antonia Silberstein, die einen Rock trägt und eine Bluse! "Ich hatte eine eigene, fließende Ordnung der Dinge", sagt Antonia. In der Schule wird ihr Weltbild verkleinert auf das "Prinzip Katamaran". Dagegen wehrt sie sich: Und als ein "Duft- und Klangwesen" aus ihr eine Gnoi macht, freundet sie sich mit dieser neuen Identität an.

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Was nicht heißt, dass auch die Umwelt Gnoi akzeptiert. Vielmehr muss sie zahlreiche "Höllenkreise der Sozialisation" durchlaufen, Erstaunen, Ablehnung, sogar Gewalt erfahren, bis sie sich in der neuen Heimat wohl fühlt. Heimat: Das ist für Warnecke, Reitzenstein und Finckh, die in Freiburg das "Theaterkollektiv-Raumzeit" gegründet haben, keine territoriale Kategorie, sondern der Ort, "an dem sie sich verstanden fühlen und anwesend sein" können.

Man könnte durchaus meinen, dass "Prinzip Katamaran" über eine Selbstbespiegelung nicht hinauskommt. Das ist jedoch keineswegs so. Der phantasievolle, poetische Text, das körperbetonte Spiel und die fein abgestimmte Akustik vereinigen sich zu einem künstlerischen Ausdruck, der Vielfalt als Lebensprinzip feiert. Das Publikum zeigte sich davon sehr angetan.

Autor: Heidi Ossenberg