Willkommen in der schönen, bösen Welt von Big Data

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Sa, 26. August 2017

Theater

Die Basler Theaterfalle zeigt im Einkaufszentrum Stücki ihre Inszenierung "iThink" / Theater am ungewohnten Ort.

Treffpunkt Hotellobby. Von dort aus werden die Theatergänger ins Einkaufszentrum gelotst. Die Rolltreppe hoch, vorbei an Ladenpassagen bis zum ersten Spielort. Vier Schaufensterpuppen stehen vor einer Glasfront, und auch die lautlos hereinrollenden Protagonisten haben etwas Puppenhaftes mit weiß geschminkten Gesichtern und helmartigen Perücken: So erscheinen Martin H. Hahnemann als Computergenie Adam, Dominique Lüdi als Teamchefin Eve, Christian Heller als Produktdesigner Alexander und Ann Klemann als Pressesprecherin Effi. Sie bilden die fiktive Firma, die in der Inszenierung der Theaterfalle Basel im Stücki Shoppingcenter eine Erfindung auf den Markt bringt: die App "iThink". Willkommen in der verlockenden und gefährlichen virtuellen Welt will uns dieses von Sarah Gärtner und Roland Suter geschriebene und inszenierte Stück "iThink" sagen.

Die App ist ein Superhirn. Es weist auf verdächtige Hautflecken hin, warnt vor Bluthochdruck, plaudert Intimes aus. Ein leerstehender Raum des Konsumtempels wird zur Showbühne vor verspiegelten Wänden. Weltverbesserin Eve will virtuelle Lebenshilfe für Gesundheit und Bildung, der skrupellose Adam ist auf fette Geschäfte aus, Alex will das Medium als politisches Instrument nutzen. Mit Kopfhörern ausgestattet, folgen die Theaterbesucher den Schauspielern durch das abendlich verlassene Shoppingcenter in leerstehende Räume, die Kunden sonst nicht sehen. Mit ironischem Biss und politischen Anspielungen werden hier die Auswüchse der digitalisierten Gesellschaft vor Augen geführt: Big Data, der ständige Griff zum Smartphone, der gläserne Mensch, die Übermacht der Computerisierung. Außen alles auf Hochglanz, doch hinter den Kulissen wird mit harten Bandagen gekämpft: Das wird von den fantastischen Darstellern in entlarvender Schärfe ausgespielt. Auf dem Verkaufstresen werden sie zu coolen Rappern, die wie rivalisierende Gangs agieren. Immer stärker treten die politischen Züge des Stücks hervor. Auf den Rolltreppen spielt sich ein gnadenloser Wahlkampf ab, bei dem die Produkterfinder auf Stimmenfang gehen. Effektsicher inszeniert kommt es zum furiosen Showdown.

Ungewohnte Orte bespielen, auch "Un-Orte" wie Industriebrachen und wenig genutzte Areale, relevante Themen aufgreifen, innovatives und interaktives Theater machen mit experimentellen Formen: Das ist der Anspruch der Theaterfalle, die vor 30 Jahren von der Theaterpädagogin Ruth Widmer gegründet wurde. Dieser Anspruch wird bis heute aufrechterhalten, wie das aktuelle Stück im Shoppingcenter zeigt, an einem umstrittenen Ort mit wechselhafter Geschichte, wo in der aufkommenden Industrialisierung einst die Stückfärberei angesiedelt war und heute vieles wieder im Umbruch ist. Auch darauf spielt dieses Stück über die Vertreibung aus dem digitalen Paradies an. Parallel zu den großen Projekten ist die Theaterfalle auch weiterhin theaterpädagogisch unterwegs, arbeitet mit Jugendlichen etwa zum Thema Cybermobbing, um die "Generation Smartphone" zu erreichen.

Weitere Vorstellungen 26., 31. August, 1.,2., 7.,8.,9.,13.,14.,15.,16. September, Stücki Shoppingcenter Basel, Start 19.30 Uhr in der Hotellobby. Info Tel. 004161/3830520