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19. Juni 2012 07:31 Uhr
Sprechoper
Theater Freiburg: Faust als Sprechoper
Ein buntes Monster mit sechs Köpfen – so inszeniert Marcus Lobbes in Freiburg Goethes Faust. Die Tragödie als Sprechoper in zwei Teilen.
Dr. Heinrich Faust ist ein alternder Mann, der trotz heißen wissenschaftlichen Bemühens und angetrieben von einem gewissen Größenwahn nicht herausfinden konnte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das macht ihn reichlich depressiv. Sein bisher verdrängtes Alter Ego drängt in die drohende suizidale Leere: Mephisto – so heißt des Pudels Kern – schließt mit Faust den berühmten Pakt: wenn er auch nur einen Augenblick dieses Erdenlebens so genießen kann, dass er zu ihm sagen möchte: Verweile doch, du bist so schön, dann ist seine Seele des Teufels. Das erste Opfer auf Fausts Weg ins irdische Genießen – man kann auch sagen: auf seiner narzisstischen Suche nach Selbsterweiterung – ist die 14-jährige Margarete. Die Affäre endet, wie sie enden muss: fürchterlich. Heinrich, mir graut vor dir, wird Gretchen sagen, als Faust sie aus dem Kerker zu retten versucht. Mit Recht.
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So verknotet, wie die sechs am Anfang sind und es auch lange bleiben, können sie – das leuchtet unmittelbar ein – den Text nur chorisch sprechen (da hätte man sich mehr musikalische Genauigkeit gewünscht). Einer für alle, alle für einen: Faust, das Monster. Faust, das Prinzip neuzeitlich männlicher Weltaneignung. Faust, der eine, einzige, der den anderen als anderen nicht wahrnimmt – und wenn er ihm wider Erwarten doch Widerstand entgegensetzt, so braucht er eben Gewalt: im Privaten (Vergewaltigung) wie im Politischen (Krieg). Das kann man so machen. Das ist, wenn man so will, die konsequente Weiterentwicklung der jüngsten Regieansätze von Stemann – der Faust und Mephisto zu einer Figur verschmelzen lässt – und Dusan David Parizek in Zürich, der die Schauspieler zwischen den Rollen switchen lässt. Andererseits ist es ein Sprung: von der identifizier- und psychologisierbaren Bühnenfigur in die Abstraktion.
Vom Publikum fordert dieser Sprung ein hohes Maß an Aufmerksamkeit – und womöglich eine Vorkenntnis des Dramas, dessen Handlungsverlauf hier vorausgesetzt werden muss. Geradezu Heroisches wird den Schauspielern abverlangt: Sie müssen schließlich alle den kompletten (eingekürzten) Text von Faust I synchron parat haben: eine Riesenleistung, vor allem weil keiner von diesen vielen Sätzen spielgestützt ist – und der Regisseur Hegels Behauptung, Goethes Werk, vom Dichter selbst als "ganz etwas Inkommensurables" bezeichnet, sei "die absolute philosophische Tragödie", ziemlich ernst genommen zu haben scheint.
Marcus Lobbes, der in Freiburg 2007 die fabelhafte Uraufführung von Felicia Zellers Sozialarbeiterinnendrama "Kaspar Häuser Meer" verantwortet hat, ist als Textextremist bekannt: Als einziger Regisseur bisher hat er einen kompletten Jelinek-Text auf die Bühne gebracht. "Rechnitz – der Würgeengel" dauerte in Freiburg geschlagene viereinhalb Stunden; die Schauspieler hörten per MP3-Player das ganze Stück in Echtzeit mit.
nicht gegeben
Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen. Wenn ihr hier einen Mangel fühlt, lest einfach nach bei Goethe. In dieser auf die kaum noch in ihren geschmacklichen Zutaten erkennbare Essenz reduzierten Freiburger Fassung, die ob der gewählten strengen ästhetischen Gestalt aber auch nicht länger sein dürfte, kommt Faust immerhin denkbar schlecht weg. Und das ist gut so. Der technologisch hochgerüstete zeitgenössische Mensch, Ausbeuter von Himmel und Erde, hat’s nicht anders verdient. Erlösung wird in Freiburg nicht gegeben. Das ewig Weibliche zieht nicht hinan. Und auf Vernichtung läufts hinaus. Oder, wiederum mit Faust-Mephisto gesprochen. "Es ist so gut, als sei es nicht gewesen." Das will man von dieser klug durchdachten Inszenierung aber auf keinen Fall behaupten.
– Weitere Aufführungen: 23. Juni, 7. und 13. Juli. Tel. 0761/4968888.
Autor: Bettina Schulte



