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21. März 2011
Auch die Liebe hat ihren geldwerten Vorteil
PREMIERE I: Der israelische Regisseur Avishai Milstein inszeniert in Freiburg Shakespeares "Kaufmann von Venedig".
Die Stimme dieses Shylock fährt wie ein Messer in die venezianische Gesellschaft, die in Shakespeares Zeit wie in unserer die heutige ist. Die Stimme ist der Einbruch des Fremden in ein geschlossenes rhetorisches System. Ein Schock in Freiburgs Großem Haus, wo die beeindruckend volltönende Bassstimme des israelischen Schauspielers Doron Tavory in kurz angebundenem Geschäftsamerikanisch den bis dahin verspielt geistreichen Konversationsrahmen geradezu körperlich schmerzhaft sprengt. "Three thousand ducats, well." Der Mann weiß, worum es geht – und was er will.
Doron Tavory ist ein schlanker zierlicher Mann, dem man ein solches Stimmvolumen nicht zutrauen würde. Die Kostümbildnerin Franziska Jacobsen – die auch die venezianischen Freunde von Shylocks Gegenspieler Antonio (unauffällig: Mathias Lodd) äußerst smart und wunderbar leicht ironisch mit den Insignien der jungen Businessmode von heute ausstattet –, hat ihm einen eleganten Nadelstreifenanzug nebst unvermeidlichem Aktenkoffer verpasst: Avishai Milsteins Inszenierung des "Kaufmann von Venedig" spielt sehr angemessen in der luftigen globalen Finanzwelt der Wall Street. Am Anfang flattern Geldscheine vom Himmel des weißen, durch eine drehbare transparente Wand geteilten Kastens, mit dem Dirk Becker auf der großen Bühne der Leere Raum gibt – und das fabelhafte Trio André Benndorff, Gabriel von Berlepsch und Andreas Helgi Schmidt macht anmutige Luftsprünge und krabbelt weniger anmutig am Boden, um das bedruckte Papier gierig an sich zu raffen. Wir wissen ja: Geld regiert die Welt.
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Das war schon bei Shakespeare nicht anders. Der israelische Regisseur, mit dem der Dramaturg Josef Mackert ein im Programmheft abgedrucktes sehr lesenswertes Interview geführt hat, lässt daran keinen Zweifel. Auch die Liebe hat ihren geldwerten Vorteil. Der wegen seines luxuriösen Lebensstils notorisch klamme Bassanio, bei Martin Weigel ein leicht begriffsstutziger Dandy im weißen Neureichenanzug mit Start-Up-Turnschuhen, will sich die reiche Erbin Portia angeln; dafür braucht es eine Anfangsinvestition von 3000 Dukaten. Shakespeares Belmont, der Herrensitz der verwaisten Tochter, liegt bei Milstein in Dubai: Und Rebecca Klingenberg ist eine höchst souveräne arabische Lady, die die zahlreichen Bewerber um ihre "Gunst" allzeit im Griff hat, selbst Bassanio, in den sie sich verliebt, zum richtigen der von ihrem Vater als Brautprobe ausgedachten drei Kästchen lotst und in ihrer glutroten Seidenrobe ein bisschen an die glamouröse Schah-Gemahlin Farah Diba erinnert.
Weil diese Rahmengeschichte den beinahe tödlichen Konflikt zwischen dem Kaufmann Antonio und dem Banker Shylock auslöst, erzählt sie Avishai Milstein, der in Freiburg schon einmal inszeniert hat – George Taboris Farce "Mein Kampf" im E-Werk – ausführlich. Ein wenig zu ausführlich: Vor allem im ersten Teil des gut zweieinhalbstündigen Abends scheint der Regisseur den Kern des Dramas – die Rache des Fremden an der sich vor ihm verschließenden Gesellschaft – aus dem Blick zu verlieren. Das ist nicht zuletzt der vom Freiburger Team erfundenen Figur eines Moslems geschuldet – Lessings "Nathan" lässt grüßen. Keine Frage: Orhan Müstak ist als volatiler Shylock-Diener und -Übersetzer Lanzelot Gobbo eine ideale Besetzung: Er gibt virtuos den geschmeidigen Multikultitürken, der alle umlaufenden Klischees bedient, um sie mit Hohnlachen zu quittieren. Doch die kabarettreifen Einlagen – ein alberner "Muslimtest" mit Sprenggürtel muss wohl sein – drohen sich zu verselbstständigen und die Inszenierung auseinanderfallen zu lassen; wozu auch die durchaus witzigen All-American-Girl-Auftritte der pvc-Tänzerin Monica Gillette als antidepressive Shylock-Tochter Jessica beitragen.
Nach der Pause indes verdichtet sich das Geschehen – und Shakespeares Sprache in der bewundernswert flüssigen und sprechtauglichen Übersetzung von Elisabeth Plessen wird zum Hauptakteur in der alles entscheidenden Gerichtsverhandlung um das Recht des Juden auf ein Pfund Christenfleisch. Der so geschliffenen wie gerissenen Argumentation des angeblichen jungen Rechtsgelehrten Balthasar, hinter dessen markierter Männlichkeit sich die eifersüchtige Portia verbirgt, kann Shylock mit einem Vielsprachengemisch aus Englisch, Hebräisch, Jiddisch und Deutsch nichts entgegensetzen. Er wird buchstäblich mundtot gemacht. Sein formaljuristisch korrekter Anspruch auf das Pfand wird zum Bumerang: Das Rechtssystem schlägt ihn mit den Waffen, die er für die Durchsetzung seines Anspruchs selbst in Stellung gebracht hatte.
Diese packende Auseinandersetzung führt Rebecca Klingenberg – in der Hosenrolle noch überzeugender – mit großer sophistischer Finesse. Sie reicht über rassistische oder antisemitische Ausschlussmechanismen weit hinaus. Die Konsequenz, die der Jude aus dem verlorenen Rechtsstreit zu ziehen gezwungen wird, schlägt allerdings dem Problemfeld "Die Gesellschaft und das Fremde" umso mehr zu Buche. Nachdem er um seinen gesamten Besitz gebracht wurde, ist Shylock reif, ein Christ zu werden: Die Zwangstaufe in der Zinnbadewanne ist ein denkbar brutaler zynischer Akt der "Assimilation" – und Doron Tavory, dem es bravourös gelingt, sich von jedem wohlfeilen Opferklischee fernzuhalten, sagt nur noch "Mir ist nicht wohl", bevor er lang hinschlägt auf den Boden.
Hier – am Höhepunkt der Beklemmung – hätte die Aufführung zu Ende sein können. Doch Avishai Milstein interessiert sich aus gutem Grund für die Verdrängung: Auf Schloss Belmont soll danach mit drei Paaren heiter Hochzeit gefeiert werden. Doch das Verdrängte, wir wissen es, kehrt zurück. Der Beifall im fast ausverkauften Haus war stark und lang.
– Weitere Vorstellungen: 24., 25., 31. März; 2., 8., 9., 13., 15., 17., 21., 25 April. Karten: Tel. 0761/4968888.
Autor: Bettina Schulte



